Zum Inhalt springen


zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


« Drei Länder, zwölf Tage und 1400 Kilometer (2) Drei Länder, zwölf Tage und 1400 Kilometer (4) »

Drei Länder, zwölf Tage und 1400 Kilometer (3)

Das Überqueren einer Staatsgrenze (zumal einer solchen zu einem ehemaligen »Ostblock«-Land) ist für den zonebattler immer wieder spannend und stets von einer gewissen Aufregung begleitet, auch wenn sich Tschechien heutzutage auf den ersten Blick kaum anders präsentiert als sein großer germanischer Nachbar: Die Bäume sind genauso grün, die Straßen nicht weniger gut in Schuß und die Supermärkte tragen die gleichen Namen wie die heimischen. [1]

Um das besonders Exotische zu finden, muß man mittlerweile also schon etwas genauer hinschauen. Dann freilich erspäht das Auge des staunenden Betrachters so manches, was ihm in heimischen Gefilden noch nie begegnet ist, beispielsweise Bäume mit überaus bizarren Fruchtgebilden dran:

merkwürdige Früchte an einem Baum in Domažlice

BotanikerInnen in der Leserschaft seien hiermit herzlich ermuntert, zur Identifikation jenes eigenartigen Gewächses beizutragen: Handelt es sich dabei um eine von weißbekittelten Wissenschaftlern zu Zeiten des Kalten Krieges herangezüchtete Mutation zu Nutz‘ und Frommen des sozialistischen Freundes und zum Schaden des kapitalistisch-imperialistischen Feindes? Oder ist es schlicht eine sonderbare Spezies aus subtropischen Gefilden, weiland von einem k.u.k. Landvermesser eingeführt und dank des Klimawandels inzwischen auch in unseren Breiten prächtig gedeihend?

Im westböhmischen Städtchen Domažlice blüht und floriert es aber auch sonst an allen Ecken und Enden! Wie fern mutet die Diskussion um eine Shopping Mall in Fürth an, wenn man so einen pittoresken Marktplatz sieht, der beidseitig von alten Häuserzeilen flankiert ist, deren durchgehende Arkaden wiederum mit herrlichen Rundbögen bei jedem Wetter zum Flanieren und entspannten Einkaufen einladen:

Der Marktplatz von Domažlice

Tritt man in eines der prächtigen Gründerzeit-Gebäude ein (dessen Hauswegweiser man als Sprachunkundiger allenfalls vage zu interpretieren in der Lage ist), dann stößt man nicht selten schon im Treppenhaus auf fein restaurierte Pracht und eine gediegene Atmosphäre, die ein moderner Zweckbau nie und nimmer zu erzeugen in der Lage wäre:

im Treppenhaus eines großen Ämter- und Instituts-Gebäudes von Domažlice

Auch draußen vor der Pforte läuft das Leben zwar geschäftig, aber eher unaufgeregt ab: Man schlendert durch die belebten Arkaden, wirft hier und und da einen Blick in die sich meist in erstaunliche Tiefen erstreckenden Geschäfte und ist mit sich und der Welt rundum zufrieden…

Inzwischen ist es darüber Mittag geworden, und allerorten beginnen die Touristen und die Einheimischen, sich zum gepflegten Mahle niederzulassen. In allen Ecken und Nischen werden traditionelle Böhmische Knödel serviert und mit gutem Appetit von der hungirgen Kundschaft verzehrt:

speisende Restaurantgäste zwischen Straße (links) und Arkadengang (rechts)

Da wollte und konnte unsereins nicht abseits stehen und tat desgleichen… [2] Nach dem Geknödel noch einen krönenden Palatschinken mit Eis und Sahne verspachtelt und abschließend die Wampe prüfend betastet: paßt scho! Die Fahrt ging hernach durch abwechslungsreiche Landschaft weiter bis nach Klatovy, in dessen grandioser Altstadt die Kirchtürme kaum an den Fingern zweier Hände abzuzählen sind. An zahllosen Stellen wird das stolze Stadtbild fleißig aufpoliert, und überall werden mit Liebe zum Detail Maurerkellen oder Malerpinsel geschwungen…

Restauration einer Hausfassade in Klatovy

Doch so spannend Stadtrundgänge auch sein können, uns interessieren ja vor allem immer die eher unbekannten Zufallsfunde abseits der touristisch ausgetreten Pfade. Wie zum Beispiel jenes traurig heruntergekommenes Schloß im nahen Týnec, dessen einstige Pracht aber glücklicherweise noch erahnbar ist:

verfallendes Schloß in Týnec südwestlich von Klatovy

Eine Handvoll Arbeiter immerhin schien in dem ausladenden Gemäuer konservierend tätig zu sein. Die Arbeit dort wird ihnen bis zum Erreichen des Ruhestandes (oder bis zum Ende des verfügbaren Restaurierungs-Budgets, whichever comes first) sicherlich nicht ausgehen…

Weiter ging es mit Kurs Richtung Süden, bis wir das liebenswerte Nachbarland am Abend bei Bayerisch Eisenstein [3] vorerst wieder verließen. Während seine beiden Insassen den festen Vorsatz faßten, das eine oder andere Wochenende nach dem Urlaub zu weiteren Stippvisiten ins gar-nicht-so-ferne Tschechien nutzen zu wollen, blubberte unser braver Minibus mit der vollen Kraft seiner drei kleinen Zylinder wieder nach Deutschland hinein. Was ihn und uns dort erwartete, wird Gegenstand der nächsten Folge sein!

 
[1] Das Benzin ist dort freilich billiger, Süßigkeiten herber, die Lokomotiven bunter und die Frauen aufreizender, dafür tragen arg viele Buchstaben zungenbrecherische Hütchen, Winkel und Akzente: Es hat halt alles seinen Preis…

[2] Im von uns gewählten Lokal war das Fleisch leider eher zäh geraten, aber Soße und Knödel haben’s letztlich ‚rausgerissen. Der anschließende Beutezug im nahen Supermarkt (überaus preiswerte Knödel-Mischungen sowie Oblaten und Waffeln der von Kennern sehr geschätzten Marke »Kolonáda«) verspricht immerhin die spätere Fortsetzung bömischer Gaumenfreuden unter den kontrollierten Rahmenbedingungen der eigenen Haushaltung.

[3] Höchst kurios und besuchenswert ist der dortige Bahnhof: Die Staatsgrenze geht mitten durch das historische Empfangsgebäude, welches auf der einen Seite von der DB, auf der anderen aber von der tschechischen Staatsbahn CD betrieben wird: Deutscherseits steht »Bayerisch Eisenstein« auf den Bahnsteigschildern, jenseits der Demarkationslinie hingegen »Železná Ruda«. Auch Bahnsteigbelag, Signaltechnik etc. ändern sich von einem Schritt zum nächsten. Sehr skurril!

vorheriger Beitrag    Übersicht    nächster Beitrag
  1. shd  •  22. Aug. 2009, 10:04 Uhr

    Klasse Bilder, besonders das zeite gefällt mir gut. Ob es bei uns auch mal so ausgesehen hat?

    #1 

  2. zonebattler  •  22. Aug. 2009, 11:27 Uhr

    Kommt wohl darauf auf, wo für Dich »bei uns« ist: Grundsätzlich gibt’s natürlich auch in Deutschland noch viele Ortskerne in Kleinstädten, die vergleichbar gestaltet sind (und auch heutzutage wie ehedem bestens funktionieren)…

    #2 

  3. Blattblickfräulein  •  22. Aug. 2009, 11:59 Uhr

    Schön, dass Ihr wieder da seid und neben Euerem ausführlichen Reisebericht auch gleich ein Monatsrätsel nach meinem Geschmack mitgebracht habt! :) Da hab ich natürlich gleich stöbern gehen müssen und folgendes herausgefunden:
    Bei dem obskuren Gewächs könnte es sich – dem Blatt nach – um eine Magnolie handeln bzw. – dem Fruchtstand nach – vielleicht sogar genau um die japanische »Kobushi-Magnolie«…. Dieser Wurmfortsatz sieht jedenfalls verdächtig nach dem aus, in was sich laut Pareys Buch der Bäume die schönen Blüten auf ihrem Werdegang zum Samen mal verwandeln…

    #3 

  4. zonebattler  •  22. Aug. 2009, 17:39 Uhr

    Hallo BurgBlattblickfräulein, da magst Du glatt recht haben… Aufgrund Deines Tipps verhalf mir Tante Gugel über diese Seite zu jenem Bilde und das sieht doch schon mal sehr ähnlich aus. Da braucht es wohl keine zweite Meinung mehr bzw. das ist ja schon eine solche. Hab‘ Dank für die schnelle und profunde Aufklärung!

    #4 

  5. Burgblickfräulein  •  22. Aug. 2009, 19:01 Uhr

    Seufz!… Womit ich auch meinen innigsten Wunsch, hier EINMAL was richtig geraten gewusst zu haben, endlich befriedigen konnte und mich jetzt auf diesen Magnoliensamen Lorbeeren schlafend beruhigt wieder meinen monatlichen Fehlversuchen widmen darf.. :-)

    #5 

  6. FB  •  23. Aug. 2009, 19:15 Uhr

    Wie immer brilliant bebildert! Irgendwie finde ich, dass Bild Nummer 4 in’s Intro des Films »Yellow Submarine« passen würde. Nur so ne spontane Idee, »alles nur Einbildung«.

    #6 

  7. zonebattler  •  23. Aug. 2009, 20:11 Uhr

    Vielen Dank für die Blumen! Weitere Bilder folgen heute abend noch, ich bastele gerade fleißig an der vierten Episode…

    #7 

  8. zonebattler  •  26. Jan. 2010, 17:55 Uhr

    Bewußt auf alt getrimmt schaut das obige HDR-Foto vom Schloß ja noch besser aus:

    verfallendes Schloß in Týnec

    #8 

Kommentar-RSS: RSS-Feed für Kommentare nur zu diesem Beitrag

Eigenen Senf dazugeben: