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Blaue Enttäuschung (1)

Manche Erinnerungen verblassen kaum, halten sich vielmehr über Jahrzehnte frisch, wenn­gleich mitunter in leicht bis kräftig verklärter Form. Die fünfteilige Fern­seh­se­rie »Das blaue Palais« von Rainer Erler beispielsweise hat mich bei ihrer Erst­aus­strah­lung anno 1974/1976 dermaßen multipel beeindruckt, daß ich später jahrelang (ver­geblich) nach Wiederholungen oder Aufzeichnungen Ausschau gehalten habe. Vor wenigen Tagen nun ist die komplette Serie endlich auf DVD heraus­ge­kom­men, und nachdem ich sie schon Wochen vor dem Ver­öf­fent­li­chungs­ter­min bei amazon.de bestellt hatte, kriegte ich sie jetzt als einer der ersten zu fassen. Die Freude darüber wich indes recht bald einer gewissen Ernüchterung…

Die ungewöhnliche Mini-Serie aus heimischer Produktion – man mag sie mit einiger Berechtigung dem Genre der Science Fiction zurechnen – verhandelte schon vor knapp 40 Jahren (!) im Wortsinne weltbewegende Themen, die auch heute noch brand­aktu­ell erscheinen: Genmanipulation, Organtransplantation, wissenschaftliche Skrupel­losigkeit hier, ethische Verantwortung für das eigene Tun da. Weißbekittelte For­scher eilten durch das marode Gemäuer eben des »blauen Palais’«, lieferten sich Wortgefechte in zungenbrecherischem Fachchinesisch und gelegentlich auch die eine oder andere Handgreiflichkeit. Der Kontrast zwischen der Abgeschiedenheit und dem heruntergekommen Zustand der Forschungsstätte einerseits und der Erkenntnissuche an vorderster Front der Wissenschaft andererseits hat mich weiland ungemein fas­zi­niert und tut das im Grunde bis heute, woran übrigens der herausragende Peter Fricke in seiner Rolle als bis zur Besessenheit engagierter Biochemiker Jeroen de Groot großen Anteil hatte und hat.

DVD-Box »Das blaue Palais«

Wie so oft sind es aber die über die Zeit hinweg sich verändert habenden Erzähl­ge­wohn­hei­ten und Rezeptionsweisen, die den Versuch einer Wiederbelebung des einst er­leb­ten Nervenkitzels schon im Ansatz zum Scheitern verurteilen: Was man als junger Mensch im Zeitalter der solide bis bieder inszenierten Fernsehspiele noch als ungemein spannend empfand, erscheint einem als abgeklärtem alten Sack im rasanten Multimedia-Zeitalter als streckenweise flau und spannungsarm. Was im vor­liegenden Fall nicht an einer etwaigen Überholtheit der Thematik liegt, sondern an der zeitbedingt dialoglastigen Inszenierung, die auch gerne mal den moralisierend erhobenen Zeigefinger vorzeigt. Die (wenigen) Spezialeffekte entsprechen natürlich auch nicht heutigen Standards, wobei das jedoch der (durchaus vorhandenen) Rest­spannung keinen Abbruch tut.

Ärgerlicher sind da schon die mangelnde editorische Sorgfalt des Publishers und die schlechte technische Qualität der DVD-Umsetzung. Die überwiegend negativen Kunden-Rezensionen sprechen für sich: EuroVideo hat sich in der Tat wenig Mühe mit dieser Edition gemacht! Die Bildqualität kommt über grieseliges VHS-Niveau nicht hinaus, was zwar unter Nostalgie-Gesichtspunkten notgedrungen hinnehmbar ist, aber unzweifelhaft weit unter den heutigen technischen Restaurierungs-Möglich­keiten rangiert. Auch ansonsten bietet die Box mit drei DVDs nichts, was lobend her­vor­zu­he­ben wäre: Keinerlei Extras auf den Discs selbst, und auf ein Booklet hofft der Fan natürlich auch vergeblich…

Mit den Extras ist das indes so eine Sache: Während heutzutage im Film-Geschäft das »Making of« schon bei Produktionsbeginn mit auf der Agenda steht, hat man vor Jahrzehnten an die Möglichkeiten der heutigen Datenträger und deren Abspielgeräten nicht denken können. Mir persönlich fehlen auch nicht so sehr irgendwelche später verworfenen Szenen oder witzige Versprecher und Mißgeschicke am Set, filmogra­phische oder biographische Daten erst recht nicht, derlei kann man sich ja bei Interesse schnell ergoogeln. Aber ein paar kurze Interviews mit noch lebenden Schau­spielern, dem Autor und Regisseur Rainer Erler oder anderen Beteiligten von damals hätten doch einigen Mehrwert geboten und den auf der dritten DVD noch reichlich vorhandenen Platz gut gefüllt. Leider wird man jedoch bei solchen »Minderheiten-Programmen« nicht auf eine besser ausgestattete und bearbeitete Sammler-Edition hoffen können, das schnelle Geldverdienen mit alter Archivware ist ja eher die Regel als die Ausnahme. Das zeitgenössische Jung-Publikum sieht man ohnehin nicht als Zielgruppe, die in die Jahre gekommenen Fans greifen auch bei minderer Qualität zu, wozu also sich große Mühe machen? Tja. So geht das wohl.

Der zonebattler würdigt derlei schnöden Marketing-Zynismus mit einem Stern Abzug in der Gesamtwertung:

  Film / Inhalt 4 Sterne  
  Bild & Ton 2 Sterne  
  Extras 0 Sterne  
  Aufmachung 1 Stern  
  Gesamturteil 4 Sterne  

Trotz aller Alters-Patina und der berechtigten Kritik am unrestaurierten Filmmaterial und der spartanischen Ausstattung, mit heruntergebrochen knapp vier Euro pro 90-minütiger Folge ist der finanzielle Einsatz gering für eine Kollektion von fünf visio­nären Wissenschaftskrimis, die einen heute noch mit ihren angedeuteten globalen Folgen für die Menschheit bewegen und umtreiben. Wem gut konstruierte Zukunfts­visionen im Kammerspiel-Format mehr liegen als letztlich inhaltsleere Stunts und Action, findet hier gediegene Fernsehkost, wie es sie in vergleichbarer Form heute längst nicht mehr gibt.

  1. zonebattler  •  17. Okt. 2012, 23:36 Uhr

    Mittlerweile erhalten schon aus Platzgründen nur noch wenige mediale Werke dauer­haftes Bleiberecht in des zonebattler’s eigenem Archiv. Auch seine frisch erworbene DVD-Edition »Das blaue Palais« wird nach eingehender Begutachtung wieder weiter­gegeben: Für 15 EUR (Versand innerhalb Deutschlands inklusive) geht die tadellos er­haltene Box mit drei fingerabdruckfreien DVDs an den nächsten Nostalgiker. Interes­senten melden sich bitte per Mail !

    #1 

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