Montag, 17. Juni 2013
Schon letztes Jahr staunten wir ja über die zahlreichen Kirchen, die über den erzkatholischen Inselstaat verstreut sein Landschaftsbild nachhaltig prägen. Eines der eindrucksvollsten Exemplare ist die Johannes dem Täufer geweihte Kuppelkirche von Xewkija, die wir hier aus einiger Entfernung alles andere überragen sehen:
Leider eignen sich diese weithin sichtbaren Landmarken nur bedingt zur Orientierung: Es gibt ihrer so viele, daß man seinen gottgefälligen Weg vor lauter Kirchen kaum sieht, ähnlich wie es sich im Sprichwort mit dem Wald und den Bäumen verhält. Wälder freilich gibt es auf Gozo nicht und in Malta nur einen dreiviertelten, insofern ist die enorme Packungsdichte von Gotteshäusern wohl durchaus als Ausgleichsmaßnahme zu werten…
Tags drauf haben wir uns dann die Church Of St John The Baptist nicht nur aus der Nähe, sondern auch von innen angesehen. Aus dem heimischen Sandstein gebaut, ist sie natürlich von entsprechender Farbgebung:
Neobarocke Architektur und quietschbunt manieristische Innenausstattung gehen Hand in Hand, was allerdings selten zu sehen ist, sind angemessen dimensionierte Orgeln. Tatsächlich findet man sogar in den größeren Kirchen oft gar keine »richtige« Orgel auf der Empore, sondern nur ambulant aufgeständerte Yamaha-Keyboards mit angeschlossenen Party-Beschallungs-Boxen. Verwunderlich, aber vermutlich auf eine nicht vorhandene heimische Orgelbau-Tradition zurückzuführen. Schade, Resonanzraum und Volumen für die größten Baßpfeifen wäre vorhanden!
Jetzt aber wieder hinaus aus der weihrauchschwangeren Sakralatmosphäre an die frische (Meeres-)Luft, wo der Geruch des Meeres und der Blick in die Ferne zum Absprung in die Tiefe locken:
Na ja, letztlich entsann ich mich dann doch des Umstandes, keine Flügel zu haben. Aber auch mit solchen hätte ich mich fürchten müssen: Hier am südlichsten Zipfel Gozos kam uns nämlich einer jener Ballermänner kurz ins Blickfeld, von deren (Un-)Taten wir ansonsten den ganzen Tag über ständig was zu hören bekamen:
Einerseits katholisch sein und sonntags die Schöpfung lobpreisen, anderseits aber Teile derselben nach Kräften auszurotten, derlei Bigotterie ist nach wie vor bizarrer Alltag auf Gozo und Malta. Und dann laufen die Pistoleros resp. Flintoleros auch noch martialisch getarnt im Gelände herum, als ginge es darum, sich im Guerilla-Kampf einer Invasion übermächtiger Feinde zu erwehren. Man sollte die Piff-Paff-Puffis in einem abgegrenzten Gelände (gerne mit Tribünen drumherum) zusammenpferchen und sich gegenseitig abschießen lassen, daß hätte zumindest noch einen gewissen sportlichen Charakter…
Es braucht vermutlich noch Jahrzehnte, bis der kollektive Inselkoller soweit abgeflaut ist, daß Zugvögel auf der Route zwischen Europa und Afrika nicht mehr bei der Zwischenlandung um ihr Leben fürchten müssen. Womöglich liegt die Schießfreude der Gozitaner und Maltesen ja im militärischen Erbe begründet, dessen steinerne Zeugnisse (ähnlich wie die Kirchen) noch überall herumstehen und weithin zu erspähen sind:
Themenwechsel: Wenn man den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und eine zweistellige Anzahl von Kilometern durch die Landschaft getrottet ist, dann freut man sich in den Abendstunden auf einen barrierefreien Spaziergang durch die Dörfer und Städtchen und hofft auf eine zum Naturerlebnis kontrastierende Auswahl an pittoresken Fotomotiven. Meiner einer ist ja nicht schnell genug (weder von der inneren Einstellung noch von mitgeführten Ausrüstung her) zum Einfangen bewegter Objekte oder Lebewesen, auch neigt der zonebattler in seiner wehmütig-elegischen Grunddisposition ohnehin den melancholischen Motiven zu. Da kommt ein kamerabewehrter Tagesausklang im Hauptstädtchen Victoria (alias Rabat) gerade recht:
Eigentlich müßte man bei sowas eine dicke Spiegelreflex auf das schwere Stativ schrauben, die Komposition skrupulös perfektionieren und erst dann genau einmal auf den Auslöser drücken. Meiner einer stellt sich breitbeinig selbst als Stativ vor das Motiv, drückt sich die schwenkdisplaytragende Knipse auf den Gürtel, zieht die Wampe ein und hält die Luft an, bevor er dann ein halbes Dutzend mal abdrückt (und später daheim das am wenigsten verwackelte Foto heraussiebt). Nein, für werbeplakatgroße Abzüge taugt die Vorgehensweise eher nicht, aber ja, ich will im Urlaub möglichst unbeschwert herumkrabbeln und nicht mehr kilogrammweise Fotoapparate mit mir herumschleppen…
So, nachdem wir gerade ein so schönes Rot als Blickfänger benutzt hatten, muß jetzt zur Abwechslung mal was blaues her. Und siehe, nur vier Minuten und wenige Dutzend Schritte später kam mir schon was Schönes vor die Linse:
An diesem – vermutlich gar nicht so alten – Moped läßt sich einmal mehr das pragmatische Verhältnis der Bevölkerung zu Ihren Werkzeugen und Vehikeln illustrieren: Gepflegt wird nix (allenfalls notdürftig repariert, was sonst gar nicht mehr ginge), was abgewirtschaftet ist, wird ersetzt. Die für präventive Instandhaltung nicht investierte Zeit kann anderswie sinnvoll genutzt werden (z.B. zum Schrotschießen).
Aber jetzt will ich nicht länger nölen, ich bin ja schließlich selbst nicht konsequent und lichte einerseits knatternde Stinker ästhetisierend ab, die ich dann andererseits (mitsamt ihren Fahrern) verwünsche, sobald sie bestimmungsgemäßem Gebrauch unterzogen werden. Nochmal acht Minuten und ein paar Meter weiter fand ich zum guten Schluß dieses werbende Paddel eines Reiseveranstalters vor:
Von der mittleren Trendsportart hatte ich bis dato noch nie etwas gehört, wiewohl ich im Zivil- wie im Berufsleben schon manche Gelegenheit zum unauffälligen Abseilen ergriffen habe. Da mußte ich mich tatsächlich in der Wikipedia rückversichern, daß es das »Abseiling« tatsächlich als etablierte Bezeichnung gibt. Ein deutsch-englisches Lehnwort-Konstrukt, welches ich natürlich unverzüglich meinem Wortschatz einverleibt habe. Solch ein schönes Souvenir lobe ich mir: kostet nix, macht nicht dick und fängt keinen Staub.
Aus demselben mache ich mich aber jetzt und vertröste die geneigte Leserschaft auf den nächsten Teil, der etwa im Wochenabstand folgen wird…
Montag, 10. Juni 2013
Die Insel Gozo wollten wir uns primär per pedes erwandern, da traf es sich gut, daß das Frühstücks-Bufett im Grand Hotel zum Davonlaufen war. Also eigentlich nicht die dargebotenen Speisen, sondern vielmehr die immer gleiche Musikberieselung, die aus einem schwer erträglichen Mittelalter-Medley aus den 1970er Jahren bestand: Neben Abba-Evergreens (»Suuupaaaa Truuupaaa«) erodierten besonders die James-Last-Arrangements deutscher (!) Volkslieder unsere Hörnerven. Das britische Publikum indes nahm diese späte Rache des ehemaligen Kriegsgegners erstaunlich gleichmütig, ja nachgerade stoisch hin. Womöglich haben die Engländer die easy-listening-Varianten von »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus« und anderen germanischen Schenkelklopfern aber auch gar nicht erkannt…
Apropos erodieren: Die Erosion ist bekanntermaßen ein immer wiederkehrendes Motiv auf dem maltesichen Archipel, ich hatte letztes Jahr schon darüber geschrieben und werde auch diesmal mehrfach darauf rekurrieren. Weil den Maltesern und Gozitanern die Häuser von Wind und Wetter sozusagen unter dem Hintern wegpulverisiert werden, herrscht stete Nachfrage nach neuen Sandsteinen, wie sie in zahlreichen Steinbrüchen im Wortsinne aus dem Vollen gesägt [1] werden:
Trotz sorgfältigen Sägens scheint es gleichwohl jede Menge Bruch zu geben, denn die Straßen, Felder und Äcker sind gesäumt von Steinen, die aus irgendwelchen Gründen nicht verbaut worden sind. Mitunter meint man, ein zorniges Riesenbaby habe seine LEGO-Kiste ausgeschüttet und den Inhalt über die Landschaft verstreut…
Die unversehrten Steine türmt man gerne auch himmelwärts zur Ehre Gottes auf, wie das Exempel der Pfarrkirche von Għajnsielem zeigt:
Doch auch mit Gottes Segen wird sein Haus nicht so lange halten wie die bis heute erhaltenen Tempelanlagen aus der Jungsteinzeit, denn der Zahn der Zeit nagt schneller an dem weichen Material, als den jeweiligen Besitzern recht sein kann. Mitunter sieht das Zerstörungswerk der Elemente dabei sogar recht dekorativ aus:
Körbe- bzw. speicherkartenweise könne ich hier Fotos von interessanten Mauern ausbreiten, von neuen und alten und solchen, bei denen die Datierung schwerfällt: Was heute in Remineszenz an den georgianischen Stil erbaut wird und noch gleißend gelb in der Sonne leuchtet, sieht wenige Jahre später oft schon aus wie aus dem 19. Jahrhundert überkommen…
Niemand scheint sich indes an dem eigentlich zu weichen Baumaterial zu stören, es hält ja immerhin auch die Baukonjunktur am Laufen, jedenfalls bis zur Erschöpfung der natürlichen Lagerstätten. Hier noch ein nettes Beispiel für das kreative Spiel mit Sandstein-Bauklötzen:
Doch vorerst genug erzählt von des Menschen Wirken, jetzt schauen wir uns endlich in der Natur um. Von unserem hafennahen Stand- und Wohnort aus machten wir uns zunächst zu Fuß auf und erkundeten die Küstenlinie in der näheren Umgebung. Aber auch da begegnet man natürlich auf Schritt und Tritt der Erosion:
Während sich daheim in Deutschland ein rechtes Frühlingswetter partout nicht einstellen wollte, genossen wir in den ersten Tagen unseres Urlaubs auf den maltesischen Inseln reichlich Sonnenschein, weswegen wir uns an allen exponierten Hautpartien gut mit Sonnenmilch präparierten und die Köpfe mit Tüchern gegen Hitzschlag schützten. Man holt sich sonst leicht einen schweren Sonnenbrand und bemerkt das erstmal gar nicht, denn in Meeresnähe weht ja fast immer ein kühlendes Lüftchen…
Wind und Sonne machen sich die Menschen hier übrigens seit jeher zunutze, um dem Meer sein Salz abzutrotzen: Noch heute finden sich überall ganze Netze an künstlich angelegten Bassins, in die das Meerwasser zur Verdunstung geleitet wurde. Auch wenn heute viele Anlagen aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr betrieben werden, so sind sie immer noch gut erhalten vorhanden und schön anzuschauen. Wir haben ein Kilo feinsten Meersalzes selber händisch schöpfen und später als wohlschmeckendes Souvenir mit nach Hause nehmen können:
Der Trick dabei war, nicht nach dem trockenen, bereits auskristallisierten Salz zu schielen (welches man wohl mühsam bergmännisch mit Hammer und Meißel abbauen müßte), sondern die noch feuchte, gesättigte Sole zu bergen, die sich sehr leicht aufnehmen ließ und die nach dem Abtropfen der noch flüssigen Salzlösung im Handumdrehen zu einer Handvoll reinsten Meersalzes wurde. Natürlich kann man sich sowas auch abgepackt kaufen, aber selbstgefangenes Salinensalz schmeckt nochmal so gut!
So, nachdem wir das Salz für die Suppe eingesammelt und in einer dichten Plastikbox sicher verstaut hatten, wandten wir uns irgendwann landeinwärts und erfreuten uns an der üppigen Vegetation des gozitanischen Frühlings:
So bunt und blütenreich geht es hier freilich wirklich nur im Frühling zu: Im Sommer brennt die Sonne unbarmherzig auf die Inseln hernieder und läßt die steinige Landschaft um einiges karger erscheinen. Wer Malta und Gozo bereisen und sich an der Flora ergötzen will, tut das am besten von April bis Juni, auch wenn die mittelmeerischen Wassertemperaturen dann noch nicht wirklich zum Bade laden…
Aber auch ohne den Drang zum Eintauchen in das noch etwas kühle Naß zog es uns immer wieder dorthin, wo die Wellen an die Gestade schlagen, sich allerlei Getier beobachten läßt (und leider auch mancherlei menschengemachter Müll). Sehr interessant sind überdies die zahlreichen wuchtigen Beobachtungstürme, die schon vor Jahrhunderten – zur Blütezeit des Malteserordens – errichtet worden sind, um etwaige Invasoren rechtzeitig ausmachen zu können:
Der im Bild gezeigte Dwejra Tower in der Nähe des berühmten Azure Window lohnt schon der grandiosen Aussicht halber die Besteigung, vorzugsweise dann, wenn sich gerade keine Schulklasse schnatternder Mädchen durch das Gebäude kichert…
Soviel für heute; Fortsetzung folgt !
[1] Recht eigentlich müßte man diese Abbaustätten eher als Steingesägen denn als Steinbrüche bezeichnen, denn die Quader werden ja eben nicht aus dem gelben Gestein gebrochen, sondern gesägt. Man vergleiche dazu meine überaus stringente Argumentation in Sachen Zug/Schub.
Donnerstag, 30. Mai 2013
Im letzten Teil der Reiseberichterstattung von 2012 hatte ich es schon angedeutet, daß es womöglich auch heuer wieder nach Malta gehen könnte. Und so kam es dann tatsächlich: Zur gleichen Jahreszeit wie im Vorjahr bereisten der zonebattler und seine bessere Hälfte von Ende April bis Anfang Mai für knapp drei Wochen den mediterranen Inselstaat. Um der faktischen Fortsetzung des vorausgegangenen Urlaubs auch virtuell Rechnung zu tragen, setze ich die Serie unter dem gleichen Titel nahtlos fort und werde mir auch diesmal (über einige Wochen gestreckt) insgesamt acht bunt bebilderte Folgen abringen, zur Bewahrung meiner eigenen Erinnerungen und hoffentlich auch zur Erbauung meiner geschätzten Leserschaft…
Also dann los: Nachdem sich ein durchgängiger Wohnort (Sliema) beim ersten Aufenthalt auf Malta angesichts der zeitraubenden Busfahrerei als suboptimal herauskristallisiert hatte, splitteten wir diesmal den Urlaub auf zwei weit auseinanderliegende Standorte auf: Erst verbrachten wir zehn Tage auf der beschaulichen Insel Gozo, nach deren ausgiebigen Erforschung wir dann noch für eine Woche auf die quirlige Hauptinsel, namentlich in die Hauptstadt Valletta übersiedelten. Hier zunächst die traditionsgemäß angefertigte Überblickskarte mit unseren vom stets mitgeführten Vorratsdatenspeicher feinsäuberlich mitprotokollierten Wegen:
Doch halt, werfen wir noch einen kurzen Blick zurück auf die diesmal recht abenteuerliche Anreise: Während wir in 2012 noch recht kommod von Nürnberg aus direkt mit Air Berlin gen Malta schweben konnten, hat sich die von meinem Ex-Chef-Chef-Chef-Chef Hartmut Mehdorn geführte Airline inzwischen aus NUE weitgehend verabschiedet, so daß wir diesmal von MUC aus mit Air Malta fliegen mußten. Von Nürnberg nach München zu kommen bedeutet normalerweise, eine recht unspektakuläre gute Stunde im ICE zu sitzen. Diesmal freilich standen wir dichtgedrängt im Zuge, denn aufgrund einer Kupplungsstörung in Köln verkehrte unsere blecherne Weißwurst an unserem Anreisetag nicht als Doppelzug, sondern als singuläre Garnitur. Immerhin, die Stimmung in der proppenvollen Sardinenbüchse war deswegen nicht etwa gedämpft, sondern eher recht entspannt bis unverdrossen fröhlich. Waren offenbar überwiegend Profireisende unterwegs… [1]
Von München Hbf aus ging es dann mit der S-Bahn zum Flughafen, von dort in gerade einmal zweieinhalb Stunden über die Alpen, über Italien, über Sizilien und eine abschließende Handbreit Mittelmeer nach Malta. Dort erwartete uns ein Transfer-Bus, der uns über Land an den Städten vorbei (als einzige!) bis zum Fährhafen von Ċirkewwa brachte. Da ging dann der Urlaub für mich so richtig los… [2]
Eine halbe Stunde dauert die Überfahrt vom Nordwestzipfel Maltas am kleinen Comino vorbei nach Gozo. Nur wenige hundert Meter oberhalb des Hafens von Mġarr bezogen wir Quartier im dortigen Grand Hotel, von dem aus man das Kommen und Gehen der Fähren wunderbar beobachten kann:
Bei dem im Bild deutlich sichtbaren Wachturm handelt es sich übrigens um den St Mary’s Tower auf Comino; rechts hinten im Bild ist dann schon die Hauptinsel des maltesischen Archipels zu sehen.
Mit ihrem kompakten Arrangement von Fährschiffen, Fischerbooten, Kirchen, einer alten Festung und allerlei pittoresken Küstenabschnitten wirkt die Bucht von Mġarr ein wenig wie ein auf Lebensgröße hochskalierter Abschnitt einer fröhlich bunten (wenn auch schienenlosen) Modellbahnlandschaft:
Unser preiswertes Zimmer mit Landblick erwies sich als unerwartet riesig und luxuriös, wenngleich sich ein paar Unterteilungen im Schrank und/oder eine schubladisierte Kommode als sehr hilfreich erwiesen hätten. Dafür gab es freies WLAN im ganzen Haus und damit drahtlosen Kontakt zu den Weiten der virtuellen Welt wie auch zur heimischen Sphäre, ein Umstand, den wir im Gegensatz zu manch anderen durchaus zu schätzen wissen.
Dem heimatlich dauerhaft trüben Wetter glücklich entflohen, mußten sich die Augen und der Blick erst einmal an die knalligen Farben und den wolkenlos blauen Himmel gewöhnen:
Dank der (noch) nicht vorhandenen Verbindung der Inseln via Brücke oder Tunnel hat sich das landwirtschaftlich geprägte Gozo bis heute einen eher ruhigen und beschaulichen Charakter bewahren können. Weil typische Urlauber-Attraktionen eher auf der Hauptinsel zu finden sind, kommen mit den ersten Fähren überwiegend Tages-Touristen nach Gozo geschippert, die am späten Nachmittag dann auch wieder weggeschafft werden. Abends kehrt auf der kleinen Insel sehr schnell Ruhe ein, die allenfalls durch das Knattern eigenartiger motorisierter Gefährte unterbrochen wird…
Schon in den frühen Morgenstunden findet die Nachtruhe indes ein jähes Ende, zumal im Frühling, wenn Jagdsaison ist und die gozitanischen Männer aus Mangel an sinnstiftenden Zerstreuungen auf alles ballern, was Flügel hat und flattert. Ich hatte auf diesen barbarischen Blödsinn weiland schon im ersten Teil hingewiesen, diesmal erlebten wir das stete Piff-Paff-Puff leider noch krasser. Überall im Gelände findet man provisorische Unterstände für Schrotflintenträger und drumherum aufgestellte »Präsentierteller« aus Steinplatten, auf denen sich arglose Piepmätze zu ihrer dann mutmaßlich letzten Rast niederlassen sollen. Man kann nur hoffen, daß diese Art von »Brauchtum« irgendwann vermittels einer zunehmend restriktiveren EU-Gesetzgebung weitgehend ausradiert werden wird…
Ungewohnt sind übrigens auch andere Gebräuche der ansonsten durchaus friedlichen und freundlichen Insulaner; insbesondere erfreuen die allerort präsenten Beispiele kreativer Leitungsführung das Herz des Fotografen:
Spätestens hier läuft der Chronist nun Gefahr, sich zu wiederholen, hat er doch in den ersten acht Teilen dieser Serie schon viel erzählt und gezeigt, was er auch in seinem diesjährigen Urlaub gesehen und fotografisch konserviert hat. Macht aber nix, Beispiele für umstandslose Selbsthilfe und unprätentiöses Improvisationstalent kann man schließlich immer zeigen, ohne sein Publikum zu langweilen:
Lassen wir den ersten Tag auf Gozo ausklingen mit einem stimmungsvollen Sonnenuntergang, den ich gerade noch rechtzeitig mit ambulant aufgestützter Kamera einfangen konnte:
Im folgenden Teil werde ich dann von unseren ausgedehnten Wanderungen berichten, die uns vor allem entlang der einsamen Küstenlinie Gozos zahlreiche wunderschöne Ausblicke – und auch manchen Weltschmerz – beschert haben.
[1] Harald Schmidt hat sich zu diesem Thema mal dezidiert geäußert, siehe hier.
[2] Beim Übersetzen nach Gozo gelang mir gleich der erste schöne Schnappschuß…
Sonntag, 19. Mai 2013
Samstag, 4. Mai 2013
Mittwoch, 3. Oktober 2012
Sonntag, 8. Juli 2012
In der achten und – vorerst – letzten Folge meiner Malta-Impressionen komme ich zunächst noch einmal auf das menschliche Streben nach Schutz und Abgrenzung zu sprechen und widme dem Bau von Mauern ein paar Sätze und Bilder. Gerade an den alten Festungsanlagen sind Erosionserscheinungen evident, und wenn nicht an den kritischsten Stellen immer wieder Ausbesserungsarbeiten stattfinden würden, wäre die Natur mit ihrem gnadenlosen Rückeroberungswerk viel schneller fertig, als die alten Baumeister sich das gedacht haben mögen.
Der drohende Verfall hat freilich auch seine ästhetische Seite. Hier eine Detailaufnahme einer riesigen alten Festungsmauer aus dem örtlichen Kalksandstein, an der Wind und Wetter schon fleißig geschliffen und geschmirgelt haben:
Frisch zugehauen, wird man den Quadern aus Sedimentgestein ihre innere Schichtung nicht unbedingt angesehen haben. Das permanente Beblasen mit salzhaltiger Luft läßt die innere Struktur plastisch hervortreten, und auch die vom Wind mitgeführten Sandkörner tragen das ihre dazu bei, die weicheren Schichten der Blöcke im Wortsinne zu pulverisieren (während härtere Sektionen länger Widerstand leisten). Und so schaut irgendwann aus wie ein Schwamm, was einstmals ein massives Gefüge war.
Man erlebt hier also im kleinen Maßstab, was an Orten wie dem Monument Valley und anderswo im Südwesten der USA seit -zig Jahrtausenden im Großen stattfindet. Pragmatisch wie die Malteken nun mal sind, akzeptieren sie den natürlichen Lauf der Dinge und machen sich daher heutzutage nicht mehr mehr Mühe beim Mauerbau als unbedingt nötig:
»Des dud’s«, wie der Franke sagen würde. Man beachte übrigens die glatten Kanten der gelben Quader mitsamt den halbkreisförmigen Sägespuren: von Hand gebrochen und mühsam auf Maß gehauen werden die Steine natürlich schon längere Zeit nicht mehr…
Maltesische Gewitztheit und Bauernschläue treiben manchmal auch kuriose Blüten. Hier sieht man eine sehr kreative Kombination aus Grenzbefestigung und umstandsloser Müllentsorgung:
Da hat jemand ganz offenkundig die Bezeichnung »Einbauherd« zu wörtlich genommen, wie mir scheinen will. Na ja, wenigstens besteht so ein altes Küchengerät im wesentlichen aus Stahl und Eisen und damit aus wenn nicht kompostierbaren, so doch leidlich unschädlich verrottenden Materialien.
Man findet aber leider auch allerlei anderes in der Landschaft herumliegen, was da definitiv nicht hingehört: PET-Flaschen sonder Zahl (Pfand wird darauf derzeit noch nicht erhoben), aber auch alte Kunststoff-Kanister und Blechfässer, deren früherer Inhalt nicht unbedingt für eine wilde Entsorgung in der Natur sprach:
Da fehlen einem mitunter die Worte. Leider mangelt den Bewohnern kleinerer Inseln ja oft am Gefühl für das Frevlerische ihres Tuns, denn was sie an Dreck in die Luft pusten, ins Erdreich verbuddeln oder ins Wasser kippen, beeinträchtigt sie und ihr eigenes Wohlbefinden meist nicht direkt und unmittelbar. Wind und Wasser verdünnen das schädliche Zeugs und tragen es fort, aus den Augen, aus der Nase, aus dem Sinn. Da ist es sicherlich nicht eben einfach, dem Nachwuchs in der Schule was von Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder Ressourcenschonung zu erzählen. Der Papst müßte seine Schäfchen (nicht nur die maltesischen) nachdrücklich zum Erhalt der Schöpfung auffordern, damit diese sich die Erde nicht immer nur ohne Rücksicht auf Verluste untertan machen…
Aber ganz hoffnungslos scheint der Fall dann doch nicht zu sein: Auf unseren Streifzügen kreuz und quer durch Malta begegneten uns hier und da Recycling-Container zum artreinen Sammeln alten Plastiks, Glases, Metalls und Papiers, von denen unsere etwa zehn Jahre alten Reiseführer noch gar nichts wußten. Der in jüngster Zeit zaghaft begonnene Versuch von Mülltrennung und Wiederverwertung wird den Aberwitz des Verbrennens jeglichen Misch-Abfalls hoffentlich irgendwann beenden.
Mit ein paar versöhnlicheren Fotos wie dem vom diesem kleinen Landungssteg im Abendlicht kratzen wir nun die Kurve und streben dem Ende des gut zwei- bzw. knapp dreiwöchigen Aktiv-Urlaubs entgegen, der – das sei hier nebenher erwähnt – mit knapp 500 EUR pro Nase für Hin- und Rückflug, Transfer und Hotelzimmer mit Frühstück sogar zu den außerordentlich preiswerten zu zählen war.
Beschwören wir ein letztes Mal die Grandezza vergangener Epochen herauf mit dem Abbild einer prächtigen Villa in Attard, in deren Nachbarschaft sich der Regierungspalast und diverse ausländische Botschaften befinden:
Passend zum Prunk der Architektur erscheint der üppige Wuchs der Pflanzen drumherum, das palmenartige Gewächs in der Mitte scheint ja geradewegs zu explodieren, wie ein florales Feuerwerk, sozusagen.
Das diese Assoziation nicht von ungefähr kommt, sei mit dem letzten Bild belegt, mit welchem ich nun mit einem großen Knall diesen Artikel und damit die ganze Serie beschließen will. Ende April/Anfang Mai ließen es die Organisatoren des »Malta International Fireworks Festival« nach allen Regeln der Kunst blitzen und krachen:
Drei Abende hintereinander gab es da im Grand Harbour von Valletta Spektakuläres zu sehen und zu hören: Pyrotechnik-Hersteller aus aller Welt überboten sich mit ihren Darbietungen, und sogar der alte Zündler zonebattler, der in den fünf Dekaden seines irdischen Daseins schon manche Lunte selbst gelegt und angesteckt hat, hatte Vergleichbares bislang noch nicht gesehen…
Mit diesem Feuerregen bedanke ich mich bei meiner geschätzten Leserschaft für das Interesse und klappe mein Urlaubsalbum zu, nicht ohne die Absicht zu bekräftigen, der kleineren und etwas weniger turbulenten Insel Gozo dermaleinst eine eigene Expedition zu widmen. Vielleicht schon im nächsten Jahr, wer weiß?
Sonntag, 1. Juli 2012
Schauen wir uns noch ein wenig in Maltas Städten um, die für unsere an fränkische Gegebenheiten gewöhnten Augen immer wieder Überraschendes bereithalten. Die extrem hohe Bevölkerungsdichte ist natürlich vor allem an der Architektur ablesbar. Aus der Entfernung erinnern die meisten menschlichen Ansiedlungen an Ameisenhaufen:
Hier hat selbstredend die perspektivverdichtende Wirkung der Tele-Brennweite nachgeholfen, zwischen den im Bild gezeigten Häuserreihen gibt es natürlich noch Straßen und Wege. Gleichwohl ist es schon erstaunlich, wie dicht gepackt die Menschen hier leben. Wenn Sie denn tatsächlich noch in der Stadt leben, der hohe Prozentsatz an (gesehenem wie gefühltem) Leerstand läßt da mitunter Zweifel aufkommen.
Die die Küstenlinie und Strände säumenden Hotelbauten fügen sich zwar farblich in das bauliche Umfeld bestens ein (die graugelbe Farbe des heimischen Kalksandsteins dominiert allerorten die bauliche Szenerie), dennoch kommt man mitunter in Versuchung, die überhohen Touristenburgen einfach wegzuknallen. Werkzeuge dafür wären durchaus vorhanden:
Indes, es hülfe nichts: Aus den Trümmern würde das alte Malta nicht wieder auferstehen, man muß den Flächenfraß und das Wuchern in die Höhe wohl hinnehmen, im Grunde ist es anderswo (und fast überall) genau das Gleiche…
Aber es gibt ja immer noch genug Altes zu sehen, was Herz und Auge erfreut. Zum Beispiel die typischen Erker (für die man das Holz weiland tatsächlich aus dem fernen England heranschaffen mußte):
Auch da hat aber mittlerweile schon manch zweifelhafter »Fortschritt« Einzug gehalten: Der Erker links vom hochkant gestellten Werbeschild des Schneiders beispielsweise hat schon Fenster aus bronzefarben eloxiertem Aluminium, oben ist noch dazu Riffelglas oder -plastik drin. Das mag pflegeleichter und billiger sein als die hölzernen Fensterrahmen von früher, schöner ist es keinesfalls. Auch untenrum ist besagter Erker glatt und schmucklos, solche aurabefreiten Teile wird man vermutlich zukünftig leider immer häufiger vorfinden…
Ich hatte schon erwähnt, daß man abseits der touristischen Trampelpfade selbst in den Städten ziemlich schnell in Gefilde findet, in denen man mit sich und den alten Gemäuern allein ist. Während in den Hauptstraßen emsige Betriebsamkeit herrscht, trifft man zwei, drei Fußminuten entfernt mitunter noch nicht einmal Einheimische in den ruhigen Gassen. Da muß ein Fotograf praktischerweise nicht lange warten, um menschenleere Ansichten komponieren zu können:
Möchte natürlich sein, daß die Malteken während der Mittagsstunden ein Nickerchen halten und ihre Häuser nur verlassen, wenn es sich nicht vermeiden läßt. Als Reisender ist man dagegen eben auch dann unterwegs, wenn die Sonne (und das Thermometer) am höchsten stehen…
Hin und wieder kommt es aber selbst in den entlegensten Winkeln vor, daß man ein paar neugierige Augen auf sich ruhen fühlt:
Obzwar sie jegliche Vögel unter Einsatz von Feuerwaffen vom Himmel holen, scheinen die Insulaner ihre Katzen zu lieben: An zahlreichen Orten fanden wir »Cat Cafés« vor, ambulante Fütterungsstationen für schnurrende Vierbeiner, derer auch viele dort herumlungern. Kein Wunder, kostenloses Essen wird immer gern genommen. Womöglich sehen sich die Leute in einer gewissensbedingten Bringschuld, denn immerhin lassen sie ihren Vierbeinern ja kaum noch fliegende Beute zum Selberjagen übrig!
Von den vierbeinigen Miezen ist der Bogen zu den zweibeinigen solchen elegant zu schlagen: Da an den Strandpromenaden rund um die Uhr flaniert und in den nahen Bars und Clubs gefeiert wird, müssen sich die begehrenswerten Frauen (und solche, die es werden wollen), schon ein Stückchen größer machen, um aus dem Heer ihrer Geschlechtsgenossinen im Wortsinne herauszuragen. Die dazu erforderlichen Vorrichtungen gibt es allerorten in reicher Auswahl und in allen Preislagen zu kaufen:
Ja, da kann man(n) nur staunen. Und das tat der Berichterstatter denn auch oft und ausgiebig, ohne das hier im Detail erläutern zu wollen. Jedenfalls bleibt festzuhalten, daß die Absatzhöhen auf Malta europäische Höchststände erreichen. Frauen zwischen 15 und 55 mit Trekking-Sandalen an den Füßen sind ohne jede Notwendigkeit zur weiteren Beweiserhebung sofort als deutsche Touristinnen zu identifizieren. Wobei sich nicht wenige von denen in den insularen Schuhgeschäften mit hohen Hacken einzudecken scheinen…
Wenden wir zum Schluß der heutigen Folge den Blick wieder vom Boden ab und hoch hinaus, um uns an einem grafischen Spiel von Licht und Schatten zu erfreuen. Auch sowas kann ja elektrisierend wirken:
Absatzgeklacker hin, Kamerageklicke her: Die Vielfalt der Sinneseindrücke auf Malta ist enorm, weswegen ich eine Expedition dorthin meinen Leserinnen und Lesern nur wärmstens empfehlen kann. In einer weiteren und letzten Folge lasse ich es zum Abschluß meiner Reise-Reprise demnächst noch einmal richtig krachen!
Sonntag, 17. Juni 2012
Im Mittelpunkt der heutigen Folge der zonebattlerschen Reiseberichterstattung steht der Mensch als solcher, und zwar sowohl in seiner Ausprägung als stationär waltender Einheimischer wie auch in seiner phänotypischen Erscheinung als Fremder und Tourist. Allen Zweibeinern gemein ist ein latenter Hang zur trotzigen Unvernunft im Verhalten, welcher wiederum bei Reisenden – vermutlich wegen der fehlenden Sozialkontrolle des heimischen Habitats sowie der Nicht-Alltäglichkeit der temporären Lebensführung – deutlich stärker ausgeprägt ist.
Als illustrierendes Beispiel möge die exzessive Sonnenlicht-Exposition der eigenen Schwarte dienen, die ja nachgewiesenermaßen nicht nur zur Bewunderung durch Artgenossen, sondern auch zum (durchaus weniger angenehmen) Hautkrebs führen kann. Da die möglichen gesundheitlichen Nachteile des Sonnenbadens seit langem bekannt sind, bemühen sich die Menschen in ihrem heimischen Umfeld gemeinhin um »schonendes« Grillen:
Touristen hingegen lassen nicht selten alle Ratio in der Heimat zurück. Namentlich die britischen Pauschal-Reisenden neigen dazu, am ersten Tag ihres Urlaubsaufenthalts käseweiß bis kreidebleich zum Frühstücksbufett zu erscheinen, am zweiten Morgen jedoch bereits in leuchtendem Feuerrot nach Art frisch gekochter Hummer. Möglicherweise sind sie der Auffassung, daß Verbrennungen zweiten Grades ein geringer Preis für die verlockend erscheinende Aussicht sind, in ihren zwei Wochen auf der kleinen Insel mehr Sonne »tanken« zu können als den Rest des Jahres über daheim auf dem großen Eiland mit seiner sprichwörtlich nebulösen Witterung…
Schwieriger noch als das Einhalten einer tolarablen Bestrahlungsdosis ist das Finden einer kommunikativen Basis mit dem mitreisenden Partner. Nicht wenige Paare sehen sich im lang ersehnten Urlaub mit der unverhofft auftretenden Situation konfrontiert, mehr als die werktäglich üblichen paar Minuten miteinander reden zu können (oder gar zu müssen). Kein Wunder, das einem da mitunter die Worte fehlen:
Na, immerhin ist das Handtuch zwischen den beiden hier im Bild noch nicht zerrissen. Feiner heraus sind da jene, die Malta ohnehin nur ansteuern, um non-stop Party zu feiern. Wer solches tut, braucht sich im donnernden Gestampfe mehr oder weniger musikalischer Rhythmen ohnehin nicht verbal zu äußern, es verstünde ihn eh keiner. Die zur hellen Tageszeit davon sichtbaren Spuren im für derlei Exzesse zuständigen Ort St. Julian’s haben dem Berichterstatter schon von ferne gezeigt, daß das seine Welt nicht ist, weshalb er sich dazu auch nicht weiter auslassen kann und mag.
Doch scheren wir uns nicht weiter um die zwischenmenschlichen Risiken und Nebenwirkungen eines mit hohem Erwartungsdruck angetretenen Erholungsurlaubs (!), wenden wir uns vielmehr wieder der Betrachtung der maltesischen Bevölkerung zu. Hier betrachtet ihrerseits eine männliche Auswahl derselben die polizeiamtlichen Konsequenzen eines kleineren Verkehrsunfalls mit minderen Blechschäden:
Tja, den gemeinen Malteken bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Ist ja auch kein Wunder bei der bewegten Geschichte: Wer so viele Besatzer, Eroberer, Regenten und Verwalter hat kommen (und wieder gehen) sehen, der regt sich über Bagatellen nicht mehr auf, sondern freut sich allenfalls über die kleine Abwechslung im ansonsten unspektakulären Tageslauf.
Möglicherweise wirkt auch das Fischen und Angeln – ein auf Inseln aus naheliegenden Gründen weitverbreiteter Zeitvertreib – beruhigend auf das Gemüt. Jedenfalls geben die rutenschwingenden Männer rund um die Hafenpromenaden nicht nur pittoreske Genre-Motive, sondern auch ein Bild der Ruhe ab:
Wobei das mit der Ruhe so eine Sache ist: Wie wir ja schon gehört haben, hantieren die männlichen Malteken nicht nur mit der Angelrute herum, sondern auch gerne mit dem Schießgewehr, was der meditativen Kontemplation der Schützen womöglich den Höhepunkt beschert, dem arglosen Wanderer indes einen jähen Schrecken.
Aller katholischen Frömmigkeit zum Trotz hat der Jagdtrieb der Malteken, der absolut nix mit traditionsbewußter Wehrhaftigkeit zu tun hat (die Singvögel greifen die Insel ja nicht an und feindliche Jagdbomber wiederum wären mit Bleischrot schwerlich zu beeindrucken), seinen Niederschlag in der kollektiven Ikonographie gefunden. Hier sieht man eindeutig, woher der Wind weht:
Eine Faszination für das Schießen, insbesondere mit weit größeren Kalibern, ist auch den britischen Besuchern zu eigen (den männlichen, versteht sich). Gerne besuchen sie daher in Mannschaftsstärke die Relikte der kriegerischen Auseinandersetzungen in, auf und um Malta. Der Chronist hat einem fantasiebegabten Hobby-Historiker die fixe Idee ausreden müssen, wonach es sich bei diversen aufgegeben Badebecken am Felsenstrand um Geschützstellungen (»gun emplacements«) aus dem zweiten Weltkrieg gehandelt habe. Die Exzentrizität der Engländer mag auch beim Militär die eine oder andere Entsprechung gefunden haben, aber auch die Kanoniere Ihrer Majestät schossen und schießen gerne mit trockenen Füßen und unbehelligt von Ebbe und Flut!
Ein immerhin nett anzuschauendes Relikt des militärischen Erbes aus der Kolonialzeit ist die Wache vor dem Großmeisterpalast in Valletta. Schneidige Kerls in feschen Uniformen knallen mit ihren eisenbeschlagenen Tretern auf den Boden, fuchteln ritualisiert mit ihren seitengewehrbestückten Karabinern herum und werden anschließend in ihren winzigen Schilderhäuschen von den Touristen – zonebattler inklusive – als Kuriosität abgelichtet:
Meiner einer hat mit Männlichkeitsritualen und Imponiergehabe wenig am Hut, aber ich bin ja auch nur ein oller zonebattler und kein ganzer Kerl.
Doch auch die Kerle waren mal Kinder, und denen wollen wir uns heute abschließend zuwenden. Auf den ersten Blick schauen die Jungs und Mädels auf Malta genauso aus wie der frühreife Nachwuchs allerorten, man trifft sich draußen, findet sich und seine Freunde cool und die anderen doof (und vice versa).
Ein bemerkenswerter Unterschied zur heimischen Jugend ist uns allerdings aufgefallen: Die Erziehung zum sozialen Wesen scheint auf Malta noch bestens zu funktionieren! Junge Leute stehen, ja springen unaufgefordert in den rappelvollen Bussen auf, wenn ältere Menschen zusteigen und einen Sitzplatz gebrauchen könnten. Steht man als Auswärtiger ratlos mit Landkarte oder Stadtplan in der Hand am Wegesrand herum, kriegt man von alt und jung sogleich Orientierungshilfe angeboten. Ob das nun mit der starken Verwurzelung im Christentum römischer Prägung zu tun hat, sei dahingestellt. In jedem Fall sind Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme essentielle soziale Schmierstoffe in dichtbevölkerten Lebensräumen, und daß derlei Selbstverständlichkeiten andernorts keine mehr sind, ist mehr als nur schade.
Ins nähere Gespräch sind wir mit Jugendlichen nicht gekommen, was hätten wir ihnen auch erzählen können? Es war aber offensichtlich, daß es ihnen trotz der peripheren Insellage an nichts fehlt, was ihre Altersgenossen auf dem Festland für selbstverständlich halten. Auch das Internet wird seinen Teil dazu beitragen, daß Isolationsgefühle gar nicht erst aufkommen. Zu kaufen gibt es heutzutage sowieso alles überall. Übrigens muß mancherlei Spielzeug, welches im Fürther Umland erdacht worden ist, noch nicht einmal importiert werden: Sämtliche Playmobil-Figuren etwa erblicken schon lange nicht mehr in Zirndorf das Licht der Welt, sondern mitten in Malta! Das gilt auch für die in der Fürther Fußgängerzone verkauften Exemplare, wie deren Schachtelaufdrucke beweisen…
Das Zeitfenster für die spielerische Beschäftigung mit Plastik-Männchen scheint indes immer kürzer zu werden: Kaum muß man nicht mehr befürchten, daß das Kleinkind die Dinger verschluckt, da ist es auch schon fast in der Pubertät angelangt und beginnt sich für richtige Männchen (oder Weibchen) zu interessieren. Das ist auf Malta nicht anders als in Deutschland und den anderen westlichen Ländern.
Wir sind nun auch angelangt, und zwar am Ende der heutigen Folge. Demnächst gibt es eine weitere mit neuen fotografischen Impressionen aus dem kleinen Inselstaat zwischen Europa und Afrika.
Sonntag, 10. Juni 2012
Ansichtskartenwürdige Aufnahmen an der Kitschgrenze entlang habe ich in der vorhergehenden Folge für diesmal versprochen, und so habe ich mich hingesetzt und eine Auswahl Fotos herausgesucht, in denen das Blau am blauesten ist! Früher hatte man für sowas einen für seine satten Farben bekannten Fuji Velvia Dialfilm mit 50 ASA in der Kamera, im digitalen Hier und Jetzt greift meiner einer gern auf die I2E-Optimierung von FixFoto zurück, um die draußen im prallen Leben vorhandene Farbintensität noch ein wenig zu betonen. Fangen wir mal an mit einem Blick über die Klippen auf das mare nostrum hinaus:
Ja, da kann man schon den Blues kriegen. Nicht minder satt ist übrigens das Grün der üppigen Vegetation, was den Frühling ganz klar zur besten Besuchszeit macht: Im Sommer ist es auf Malta viel zu heiß, um sich auf ausgedehnte Wanderungen zu begeben; im Herbst werden die Temperaturen zwar wieder erträgllicher, aber dann ist von der frischen Flora des Frühlings nichts mehr zu sehen und die Landschaft ist so trocken und so gelbgrau wie die steinernen Städte.
Und weil wir damit schon wieder den Bogen zurück in die Stadt geschlagen haben, schauen wir uns bei bestem Wanderwetter einen Ausschnitt aus den rund um Valletta allgegenwärtigen Festungsanlagen an:
Kurioserweise haben uns die Festungen und Bastionen immer wieder an die gleichfalls von italienischen Baumeistern errichtete Stadtmauer von Forchheim (Oberfr) erinnert, im deutlich größeren Maßstab, versteht sich. Aber das Prinzip der Verteidigungswälle mit sternförmig gezackten Vorsprüngen, Rücksprüngen, Wachtürmchen etc. ist hier wie da das gleiche. Der immense Aufwand, der hier in früheren Epochen betrieben wurde, legt ein beredtes Zeugnis ab von der strategischen Wichtigkeit Maltas über Jahrhunderte hinweg.
Doch verlassen wir die trutzigen Relikte kriegerischer Zeiten und wenden wir uns wieder der friedlichen Gegenwart zu. Im immer noch recht idyllischen Fischerort Marsaxlokk (das »x« wird zischend wie »sch« ausgesprochen) sind die bunten Boote der Fischer am frühen Nachmittag schon längst wieder eingelaufen und im Hafen vertäut:
Der dem Verzehr von Meeresfrüchten gemeinhin nicht zugeneigte Chronist hat sich den lokalen Gegebenheiten angepaßt und direkt an der Mole in einem der zahlreichen Restaurants einen Fischteller verspeist (ohne den Teller natürlich) und fand die drei verschiedenen Filets tatsächlich gar nicht mal so übel. Den Verzehr tentakelbehafteter Kopffüßler indes lehnt er weiterhin stringent ab, dafür mag er die intelligenten und verspielten Kraken und Tintenfische viel zu sehr leiden. Freunde ißt man nicht.
Zwei Tage später kamen wir erneut nach Marsaxlokk, welches diesmal den Endpunkt einer in Marsaskala beginnenden Wanderung darstellte. Unterwegs kamen wir an grandiosen Klippen vorbei, die den bekannten Kreidefelsen auf Rügen nicht ganz unähnlich sehen:
Kleiner Einschub: Im Vergleich zu unserem letzten Insel-Urlaub auf La Palma waren die Wanderungen auf Malta insgesamt weniger schlauchend (schon aufgrund der deutlich geringeren Höhenunterschiede und der Abwesenheit von unter dem Fuß wegrutschender Vulkanasche), weniger zivilisationsfern und damit unter dem Strich abwechslungsreicher. So verwundert es wenig, daß ich aus 2,5 Wochen auf Malta doppelt soviele Fotos heimgebracht habe als von drei Wochen auf La Palma…
In Marsaxlokk angekommen, zeigte sich der Himmel diesmal nicht mehr so diesig wie am Vorvortage, als das weiter oben gezeigte Foto vom Bootsgewimmel im Hafenbecken entstanden war. Diesmal war das satte Blau des Himmels kaum noch zu steigern, und so ergab sich endlich die Gelegenheit, das typische Reiseführermotiv schlechthin einzufangen und festzuhalten:
Ja, so ein poppiges Luzzu macht schon was her, erst recht, wenn sein beschützendes Horusauge so sorgfältig bemalt ist wie an dem gezeigten Exemplar! Einmal mehr war der zonebattler froh, sich für Perspektiven wie diese dank des Schwenkdisplays seiner Kamera nicht zu abenteuerlichen akrobatischen Verrenkungen herablassen zu müssen…
Kaum weniger pittoresk als die bunten Boote sind die elektrischen Installationen auf Malta, deren oberirdische Leitungsführung eher pragmatischen Erwägungen zu folgen scheint als den deutschen Sicherheitsvorschriften und den anerkannten Regeln der Technik: Wo einmal ein Kabel gespannt worden ist, kommt hier noch eins dazu und da noch eins dran, und ob das alles so witterungsfest und auf Dauer ungefährlich ist wie es sein sollte und müßte, ist doch mehr als fraglich. Egal, des Fotografen Auge erfreut das Spiel von Licht und Schatten jedenfalls:
Bei solchen und ähnlichen Anblicken (die Abwasserrohrführungen an den Außenwänden muten mitunter ähnlich abenteuerlich an) frage ich mich zuweilen, ob die Südländer nun zu lax oder wir Nordländer nur zu penibel sind in der Beurteilung und Handhabung infrastruktureller Angelegenheiten. Viel mehr Unfälle als bei uns scheint es andernorts ja auch nicht zu geben, was durchaus gegen eine übermäßige Reglementierung spräche. Andererseits muß das aushäusig angebrachte Material in unseren Breiten gemeinhin mehr aushalten, schließlich sind die Temperaturschwankungen übers Jahr gesehen größer. Wie dem auch sei, von Stromunfällen oder plötzlichen Wassereinbrüchen sind wir während unseres Urlaubs verschont geblieben…
So, nachdem ich heute den blauen Farbtopf aufgemacht habe, darf ein Schönwetterblick auf den Hafen von Valletta von der Festung gegenüber natürlich nicht fehlen:
Erstaunlich übrigens, das man selbst an vielgeknipsten und sehr beliebten Touristen-Highlights wie diesem Wachtürmchen selten ein Problem damit hat, »menschenleere« Ansichten abzulichten: Die Menge verläuft sich (wohl auch in des Wortes mehrfacher Bedeutung) in den Straßen und Gassen, man findet wenige Schritte abseits der Zentren schnell in ruhige und beschauliche Ecken…
Ein abschließender Sprung quer über die Insel in den Nordwesten führt uns zu einem prächtig restaurierten alten Palast, den ich hier gleichfalls vor des Himmels tiefster Bläue präsentieren möchte:
Dank geschickter Standortwahl des Fotografen verdeckt der alte Klotz in der Nähe der Stadt Mellieħa das weit weniger schöne Luxushotel dahinter, mit dessen Luxus es ausweislich diverser Bewertungsporale aber auch nicht mehr weit her sein soll. Nicht immer halten die Zustände im Inneren, was die Fassaden versprechen, aber das ist ja nicht nur auf Malta so.
Auch des zonebattler’s Einlassungen entsprechen nicht immer den selbstauferlegten Standards, das krampfhafte Entlanghangeln an der Farbe von Himmel und Wasser war vermutlich nicht der Weisheit letzter Schluß für einen einigermaßen leserlichen Reisebericht, aber ich tröste mich mit dem Gedanken, daß die meisten meiner geschätzten LeserInnen ohnehin lieber bunte Bildchen anschauen als ellenlange Texte am Bildschirm studieren. Dennoch will ich natürlich auch die wirklich Wißbegierigen nicht verprellen und verspreche hiermit leichthin, mich in der nächsten Folge wieder etwas zusammenzureißen und gehaltvollere Sentenzen abzusondern.
Sonntag, 3. Juni 2012
Gemeinhin sind wir im Urlaub weitgehend autarke Selbstversorger, die frühmorgendliche Begegnungen mit Hase und Igel solchen mit Hinz und Kunz vorziehen. Dennoch hatten wir diesmal das gruppendynamische Experiment gewagt, einen mehrwöchigen Hotelaufenthalt mit Teilnahme am Frühstücks-Buffet im hauseigenen Restaurant zu buchen. Und interessant geriet es allemal: Das an britischen Geschmackspräferenzen orientierte Nahrungsangebot war durchaus genießbar, wenngleich etwas arm an Abwechslung. Wir peppten uns den Start in den Tag gelegentlich mit selbst mitgebrachten Tomaten auf, denn außer ein paar gehäckselten Blättchen gab es nichts, was an Salat erinnert hätte. Aber gut, man kann sich auch von Muesli, Toastbroat mit Scheibenkäse und/oder Marmelade sowie Spiegelei (sunny side up) ernähren. Eine Zeitlang jedenfalls…
Als eine kulinarische Offenbarung ersten Ranges entpuppten sich hingegen die lokalen Backwaren, zum Exempel die knusprig-warmen Blätterteigtaschen mit Füllungen aus Schafskäse oder Erbsenpüree (letzteres gewürzt mit Kreuzkümmel). Auch die süßen Versuchungen auf Malta sind von exquisitem Geschmack und wurden vom für derlei Gaumenfreuden stets empfänglichen zonebattler gerne verstoffwechselt. Sein Favorit waren die aus dem nahen Sizilien in den maltesischen Küchen-Kanon übernommenen Cannoli:
Glücklicherweise fanden das zumindest mengenmäßig üppige Frühstück und die ambulante Spezereien-Verkostung unterwegs ihren Ausgleich in reger körperlicher Betätigung, sonst wäre der Verfasser dieser Zeilen um einiges schwerer heimgekommen, als er zur Reise aufgebrochen war. Aber zu unserer Erleichterung (sic!) haben die ausgedehnten Wanderungen die erhöhte Kalorienzufuhr ausgeglichen, und meiner einer kann jetzt bei konstant gebliebenem Dienstgewicht von vielerlei gaumenkitzlerischen Erinnerungen zehren…
Aber natürlich auch von bildlichen solchen, die sich in meine Netzhaut und wenige Augenblicke später in den Sensor meiner Kamera eingebrannt haben! Darum klappen wir nach all dem speichelflußfördernden Gerede ums Gefuttere jetzt endlich das bunte Bilderalbum auf und blättern ein wenig darin herum. Was hier hinter der frühlingsfrohen Fauna hinter einem Mäuerchen hervorlugt, ist die Kuppelkirche von Mġarr:
In einer beschaulichen 3000-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Maltas steht also eine der größten Kuppelkirchen der Welt! Doch das verwundert hier niemanden, denn es gibt hier noch mehr Gotteshäuser von bombastischen Ausmaßen. Tatsächlich sind die zahlreichen Sakralbauten wichtige Landmarken, und so finden auf Malta besondere Verkehrsschilder Verwendung, die den des Weges kommenden Pilger auf die weithin sichtbaren, heiligen Hallen hinweisen:
Je näher wir dem Dorfe kamen, desto gigantischer erschien uns die Kirche. Alle paar Meter blieb ich stehen, um staunend auf den Auslöser zu drücken und in Bits und Bytes festzuhalten, was einem in dieser Form und Größe daheim in Deutschland nicht begegnet, selbst in den tiefkatholischsten Ecken Bayerns nicht:
Übrigens ist jenes pompöse Gotteshaus nicht annähernd so alt, wie man vielleicht meinen könnte: Im Jahre des Herrn 1912 begonnen, wurde die Kirche erst nach dem 2. Weltkrieg fertiggestellt. Auch heute noch wäre die Spendierfreudigkeit der lokalen Christenheit katholischer Geschmacksrichtung womöglich zur Finanzierung vergleichbarer Projekte in der Lage, allein wozu? Es gibt ja keinen Ort und keine Siedlung auf Malta, die nicht schon über (mindestens) eine Kirche verfügten…
Im Inneren des Mġarr’schen Exemplares haben wir uns natürlich auch umgesehen, die Kamera habe ich dort indes nicht gezückt, ich weiß gar nicht mehr so recht, warum. Vermutlich weil mich die Einrichtung nicht so sehr beeindruckt hat wie jene der erheblich älteren St. Mary of Jesus Church in Rabat mit ihren intensiven Farben:
Sogar des zonebattler’s bessere Hälfte, die auf Reisen typischerweise kaum eine Kirche ausläßt, war diesmal ob der schieren Zahl christlicher Kultstätten des Besichtigens irgendwann überdrüssig. Aber es bot sich kulturhistorisch bedeutsamer Ersatz an in Form der megalithischen Tempel aus der späten Jungsteinzeit. In Tarxien gibt es beispielsweise eine kolossale Dame ohne Oberleib zu bewundern, die »Magna Mater«:
Der Schluß liegt nahe, daß das weibliche Idealbild von vor gut 6000 Jahren ein eher üppiges war. Schade, daß der Rest des Torsos im Laufe der Geschichte verloren gegangen ist!
Nur ein paar Meter von der dicken Mama entfernt steht dieser höchst bemerkenswerte Plattenbau (den auch die Rückseiten aller maltesischen Kupfermünzen in stilisierter Form zeigen):
Die verwendeten Steinquader und -platten stammen (was man ja heutzutage mit wissenschaftlichen Methoden zweifelsfrei ermitteln kann) nicht aus Steinbrüchen der näheren Umgebung, sind also anderswo (ohne Metallwerkzeuge!) behauen und dann über große Distanz zum »Bauplatz« geschafft worden. Ohne Kräne und Tieflader, versteht sich, sicher auch ohne Planfeststellungsverfahren, EU-weiter Auschreibung, Architektenwettbewerb, Unfallverhütungseinweisung und Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener Arbeitsschutzpausen, was die Sache (und die nachgewiesene Haltbarkeit des Resultats) noch erstaunlicher macht…
Der Tag neigt sich nunmehr seinem Ende zu, dem Autor verschwimmen die vielen Bilder langsam vor Augen und sein Geist wird träge. Wir schauen daher in der rasch einsetzenden Dämmerung noch versonnen einem Segler nach, bevor wir unsererseits für heute die Segel streichen:
So gerne ich pittoreske Wasserfahrzeuge ablichte, ich selbst habe lieber festen Boden unter den Füßen, um bei klarem Kopfe zu bleiben und meine Kamera ruhig halten zu können. Zumindest letzteres ist mir überwiegend gelungen: In der nächsten Folge geht es in Kürze weiter mit knallbunten und knackscharfen Bildern hart an der Kitschkante entlang.
Montag, 28. Mai 2012
So, heute nun nimmt sich der Chronist endlich den ÖPNV auf Malta vor, der nicht ohne Grund zum Namensstifter seiner diesjährigen Reiseberichterstattung wurde.
Früher – also ich meine ganz früher – mußte ja jeder selbst schauen, wo er bleibt (und wie er bei Bedarf woanders hinkommt). Erst in der (relativen) Neuzeit kam die Idee des öffentlichen Personentransports auf. Angefangen hat die Lohnkutscherei dermaleinst wohl mit 1 PS, und noch heute kann man sich von einem gleichmütig kauendem Gaul beispielsweise durch Valletta ziehen lassen:
Die liebevoll restaurierten und bestens gepflegten Einspänner dienen heutzutage natürlich primär der ambulanten Touristen-Verschaukelung, doch auch diese scheinen nicht mehr so stark darauf anzusprechen wie ehedem: Unsereins hat jedenfalls auf Malta mehr wartende als trabende Pferdefüße gesehen.
Zeitgleich zur aufkommenden Motorisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Omnibus (lat.: »für alle«) erfunden, und auf dem kleinen Inselstaat vermehrten sich die praktischen Großraumfahrzeuge ganz außerodentlich schnell, womöglich infolge des milden Meeresklimas. Bis vor knapp einem Jahr tuckerten leuchtend gelb-orange-weiß bemalte Busse älterer Jahrgänge und Baujahre in großer Zahl quer durch Malta, und wenn man den Erzählungen der Einheimischen Glauben schenkt, dann hat das bestens funktioniert: Die Busse gehörten nämlich Kleinunternehmern, die selbst am Steuer saßen und für die stete Instandhaltung ihres rollenden Kapitals aus vitalem Eigeninteresse Sorge trugen. Den Fahrplan konnten sie wohl schon damals nicht wirklich einhalten, aber immerhin, eine gewisse Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit schien allemal gewährleistet. Das freilich ist nun endgültig Vergangenheit, die stil- und charaktervollen Fahrzeuge sind heute ein seltener Anblick geworden, es kurven nur noch wenige dieser Oldtimer als bestens aufpolierte Blick- und Kundenfänger privater Tourenanbieter herum:
Die Gegenwart ist ungleich nüchterner, die Globalisierung hielt vor Jahresfrist Einzug in Form der großen Firma Arriva aus dem fernen England. Diese ist heute ihrerseits eine Tochter der Deutschen Bahn, von germanischen Standards in Sachen Organisation und Pünktlichkeit (jawohl!) ist man hier jedoch noch Lichtjahre entfernt.
Die Ursachen dafür sind sicherlich vielfältiger Natur, nicht wenige davon liegen freilich offensichtlich zutage und bedürfen keiner für teuer Geld eingekauften Unternehmensberater, um identifiziert und an der Wurzel gepackt zu werden. Es geht im Grunde schon mit den Fahrzeugen los, die man genausogut in London hätte ablichten können:
Neben diesen enorm großen Gelenk-Bussen vom Typ Mercedes-Benz Citaro kommen auf Malta vor allem Fahrzeuge des chinesischen Herstellers King Long zum Einsatz. Die modernen Niederflurbusse passen mit ihrer türkisenen Lackierung und den sehr dunkel getönten Seitenscheiben nicht nur auratisch schlecht zum südländisch-folkloristischen Flair der Insel, sondern vor allem kaum bis allerknäppstens durch die engen Straßen! Zeitraubendes Rangieren im Zentimeterbereich, Hupkonzerte und temporäre Verkehrsinfarkte in den Stadtzentren sind damit vorprogrammiert und unausweichlich. Nicht immer gehen die Manöver glimpflich aus, nach gerade einmal zehn Monaten Betriebszeit zeigt mancher Bus schon mehr Schrammen als andere anderswo nach Jahren. Auch außerhalb der Ortschaften werden die Fahrzeuge hart rangenommen, wir haben es immer wieder erlebt, daß die Fahrwerke von unten ans Chassis krachten, weil die Federn und die Stoßdämpfer über Gebühr (und über den Anschlag hinaus) beansprucht wurden. Fesch und ohne Fehl und Tadel ist hingegen die schmucke Uniformierung der beschlipsten Fahrer, auch wenn das kaum darüber hinwegtrösten kann, daß die teilweise aus England importierten Männer hinterm Steuer zuweilen weder die Sprache der Einheimischen verstehen noch die lokale Topographie verinnerlicht haben…
Doch es sind nicht nur die Busse selbst und die Straßen, die schlecht miteinander zu harmonieren scheinen: Auch das organisatorische Drumherum folgt höchst rätselhaften Prinzipien, um es mal freundlich auszudrücken. Dabei sieht zunächst alles ganz übersichtlich aus, wenn man sich einer Bushaltestelle nähert:
Alle Wege führen von hier aus nach Valletta, soviel ist klar. Auch die Nummern der Buslinien sind deutlich zu erkennen, nur korrelieren die dummerweise nicht immer mit jenen im Faltblatt mit der Routenübersicht. Hier eine kleine Zusammenstellung unserer im Wortsinne gemachten Erfahrungen während des Beobachtungszeitraums von immerhin 16 Tagen:
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Die Routendarstellung im offiziellen und allerorten verteilten Flyer ist stark verbesserungsbedürftig: Endhaltestellen und Umsteigemöglichkeiten sind nicht eindeutig zu erkennen, die real erlebte Streckenführung weicht teils gravierend von der Darstellung auf dem Papier ab.
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Man besteigt frohgemut und zielgerichtet den Bus der Linie x, kommt aber ganz woanders hin, als man geplant hatte, weil der Bus während der Fahrt (und vom Fahrgast unbemerkt) zu einem der Linie y konvertiert ist.
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Busse halten trotz Winkens der Wartenden nicht an ihren Soll-Haltestellen und fahren schneidig durch, dafür halten gelegentlich andere mit eigentlich nicht vorgesehener Linien-Nummer.
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Es verkehren sogar Busse, deren außen angezeigte Linie weder im Übersichtsplan enthalten noch an der Haltestelle angeschrieben ist. Diese »Geisterbusse« sind ziemlich leer, wohl weil sich niemand so recht traut, sie zu besteigen…
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Bei nominellem 15-Minuten-Takt steht man sich an einer öden und staubigen Kreuzung eine knappe Stunde lang die Beine in den Bauch, dann kommen drei leere Busse unmittelbar hintereinander angefahren. Für eine vorhergehende Gemeinschaftspause des beteiligten Fahrpersonals gibt es indes keine belastbaren Belege.
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Sogar auf Strecken mit geringer Frequenz (1 Bus/Stunde) fallen Busse ohne jede Vorwarnung aus, sie kommen einfach nicht (und bescheren den Wartenden mindestens eine weitere Stunde gemeinschaftlich bangen Hoffens).
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Aushänge zur Bekanntmachung bevorstehender Planumstellungen werden an den Haltestellen dergestalt in die Rahmen mit den gültigen Abfahrtstafeln gesteckt, daß diese komplett verdeckt werden.
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Es darf grundsätzlich und auch bei großem Reisendenandrang nur vorn beim Fahrer eingestiegen werden. Wenn eine Reisegruppe zusteigt (was an den hotelgespickten Uferpromenaden nicht eben selten vorkommt) und jede(r) erst sein/ihr Ticket lösen muß, sind fünf Minuten weg wie nix…
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Möglicherweise zum Ausgleich wird dafür an regulären Stopps mitunter vorbeigefahren, selbst wenn Reisende per Knopfdruck ihren Aussteigewunsch eindeutig signalisiert haben.
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Die Info-Displays im Inneren zeigen gelegentlich an was sie sollen (die Route und die nächste Haltestelle nämlich), gerne aber auch fernöstliche Haltepunkte (Demo-Modus in den King Long-Bussen), kryptische Fehlermeldungen aus den Tiefen der Firmware (»Text(0×32 to 0xFF) Where TTTT is ANSI Latin-1«) oder sonstige Statusmeldungen von geringem Nutzen für die Passagiere.
Die geschilderten (und keineswegs übertrieben dargestellten) »Eigenheiten« führen dazu, daß die Busse fast nur von Touristen und heimischen Ruheständlern, kaum jedoch von der berufstätigen Bevölkerung frequentiert werden. Kein Wunder, denn wer zu bestimmten Zeiten irgendwo sein will oder muß, hat schlechte Karten, wenn er sich der Arriva anvertraut. Die scheint indes auch ohne Berufspendler auskommen zu können, die Busse sind auch so regelmäßig proppenvoll bis heillos überfüllt…
Für die Überwindung der doch eher überschaubaren Distanzen haben wir leider regelmäßig sehr viel länger gebraucht als erwartet und konnten daher unsere geplanten Wanderungen im Land meist erst am späten Vormittag an der dafür auserwählten Stelle antreten. Doch allen Widrigkeiten und an Haltestellen wartend verpulverten Stunden zum Trotz war der Bus unter dem Strich wohl die bessere Wahl: Ein Mietauto mit ungewohnter Rechtslenkung hätte dem Berichterstatter im Verein mit dem regen Verkehr und der rudimentären Straßenbeschilderung deutlich mehr Streß bereitet!
Zu loben sind zu guter Letzt die sehr übersichtlichen Tarife: Es gibt Tages- und Wochenkarten, mit einem 7-Tages-Ticket für EUR 12,00 wird man als Erwachsene(r) durchaus preiswert durch das Land chauffiert (Gozo kostet extra). Wenden wir uns jetzt aber von der Straße ab und dem Verkehr auf dem Wasser zu. So einen dicken Pott wie diesen hier hatte der zonebattler noch nie zuvor gesehen:
Ein Kreuzfahrtschiff ist seinem Wesen nach eine schwimmende Reisendenbespaßungsanlage: Der Passagier soll unablässig unterhalten sein und dabei stilvoll von seinem Taschengelde getrennt werden. Dennoch droht sich zwischen Schlafen, Essen, Shoppen, wieder Essen, Spielen, Konsumieren, nochmal Essen und dem Bewundern des Sonnenuntergangs doch irgendwann die Langeweile einzuschleichen.
Damit es dazu nicht kommt, werden regelmäßig die Häfen pittoresker Städte angefahren und straff organisierte Landgänge vorgesehen. Das weiße Traumschiff legt also an, öffnet seine Luken und spuckt in Rekordzeit mehrere Tausend Transit-Touristen aus, die nach Art eines Heuschrecken-Schwarmes sogleich summend in Richtung Innenstadt davonschwirren.
Zackige Führer(innen) tragen Feldzeichen in Form überdimensionaler Tischtennisschläger vor sich her, auf denen die Nummer ihres jeweiligen Truppenteils weithin sichtbar aufgemalt ist. In dichter Taktung fluten die Divisionen durch die kurz vorher noch gemütlich dahindämmernden Park- und Festungsanlagen. Des Beobachters Ohr wird mit einer babylonischen Sprachenvielfalt beaufschlagt, in der die einstudierten Erläuterungen vom Führungspersonal routiniert abgespult werden. Parallel dazu wird von den Ein- und Durchgeschleusten fotografisch abgelichtet, was immer vor die Linse kommt und sich nicht rasch genug in Sicherheit bringen kann.
So schnell wie die Plage eingefallen ist, so schnell zieht sie anschließend auch weiter zum nächsten Point of Interest. Ist ja kein Wunder, die Zeit ist knapp und die Logistik anspruchsvoll. Punkt 17:00 Uhr tutet der schwimmende Freizeitpark aus allen Hörnern und mahnt zum Aufbruch: Der Scharm macht kehrt und sucht seinen Weg zurück, es wuselt die Gangways hinauf und hinein an Bord, exakt eine Stunde später legt der Dampfer ab und nimmt Kurs zum nächsten Invasionsabschnitt…
Weniger effizient und durchgetaktet geht es in den Yachthäfen und an den zahlreichen Marinas zu, die an den Grand Harbour von Valletta anschließen. Je weiter man sich immer an der Wasserkante lang von Valletta entfernt, desto beschaulicher und weniger pompös wird die Szenerie. Wer durch die Three Cities Cospicua, Vittoriosa und Senglea geschlendert und endlich in Kalkara angekommen ist, findet dort kaum noch Touristen, wohl aber unprätentiöse Lokale vor, in bzw. vor denen man es sich – im Kreise von Einheimischen – gutgehen lassen kann. Über die erfolgreiche Verkostung der äußerst preiswerten und schmackhaften Leckereien werde ich dann in der nächsten Folge ein paar Worte verlieren…
Süßer und scharfer Senf: