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« Allgemeine Mobilmachung Zeitverschiebungen »

Auf neuen WEGen

Früher habe in meiner Blog-Rubrik »Kulturelles« des Öfteren über Vernissagen und Aus­stel­lun­gen berichtet, irgendwann hat mich aber angesichts des Zeitaufwandes und des latenten Problems mit Bildrechten die Lust daran verlassen. Vorgestern Abend kam mir jedoch etwas unter die Augen, was mich dermaßen intensiv beeindruckt und nachhaltig begeistert hat, daß ich nicht umhin komme, meiner geschätzten Le­ser­schaft heute davon zu berichten.

Arbeit aus dem Zyklus »WEGen« (Foto: Ralf Dieter Bischoff)

Schon dieses mit der Einladung verschickte Bild einer schemenhaften Trabantenstadt (erste Assoziation: Langwasser?) weckte meine Neugier: Ist das wirklich ein Foto und kein Gemälde oder eine kolorierte Zeichnung? Was hat es mit den Doppelkonturen auf sich? Wie mögen die pastelligen Farben abseits des leuchtenden Monitorbildes wirken? Ich war angefixt, obwohl ich den subkulturell angehauchten Ver­an­stal­tungs­ort an sich in eher unangenehmer Erinnerung hatte… [1]

Nun aber endlich zur Ausstellung mit dem kryptischen Titel »WEGen« und den groß­for­ma­ti­gen Fotografien von Ralf Dieter Bischoff. Als Architektur-Fotograf hat Bi­schoff ja gemeinhin die Aufgabe, das greifbar gewordene Ergebnis des Ge­stal­tungs­dranges anderer Leute im gegebenen räumlichen Kontext abzulichten. Das ist fraglos nicht einfach und erfordert einiges an Kreativität und Können, bleibt aber letztlich professionell aus­ge­üb­tes Handwerk im Rahmen eines klar umrissenen Auftrages. In seinen freien Ar­bei­ten kann der Fotograf aber diese Einengung hinter sich lassen, und das Resultat ist nach meinem Dafürhalten sensationell, ja nachgerade umwerfend:

Arbeit aus dem Zyklus »WEGen« (Foto: Ralf Dieter Bischoff)

Was den Blick des Betrachters hier in streng symmetrischer Fluchtpunkt-Perspektive geradezu ansaugt, ist die fotografische Abbildung einer Hoch- oder Schwebebahn, wie wir sie hierzulande aus Wuppertal kennen. Wobei uns Bischoff freilich bewußt nicht verrät, wo er seine Motive gefunden hat. Auch über den genauen Entstehungsprozeß seiner Bilder läßt sich der Künstler nicht aus: Zum einen sicherlich aus dem nach­voll­zieh­ba­ren Grunde, potentiellen Nachahmern nicht die Quintessenz seines Laborierens als fertiges Rezept an die Hand geben zu wollen, zum anderen vielleicht aber auch aus dem Wissen heraus, daß die Magie seiner bildnerischen Schöpfungen nicht re­du­ziert werden kann auf ein stupides serielles Abarbeiten definierter technischer Pro­zeß­schrit­te. Immerhin ist zu erfahren, daß die später überlagerten Teilbilder jeweils sämtlich am gleichen Ort entstanden sind, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten und mit abweichenden Blickwinkeln bzw. Ausschnitten.

Viel interessanter sind ohnehin die konzeptuellen Überlegungen hinter den Werken, welche man vielleicht als »sublimierte Quintessenz von Träumen« beschreiben kann. Der Meister selbst führt dazu aus: »Wenn wir einen Ort besuchen, erinnern wir uns danach an diesen durch die Summe der Momente unseres Erlebens. In meiner Arbeit will ich die fotografische Abbildung des einen solitären Moments aufbrechen, da dieser niemals ohne ein Vorher und Nachher existieren kann. So werden mehrere Bilder nicht-statischen Erlebens in nur einem Bild visualisiert. Die Verknüpfung meh­re­rer Fotografien in einem Bild liefert so ein einzelnes, nicht ganz fassbares Bild, das die von Stimmungen und Gefühlen beeinflusste Erinnerung einzufangen versucht. Einzelne Szenen die im Kopf bleiben, zeichnen so oft kein klares Bild, sondern eher eine vermischte Ahnung der Realität von gestern.«

Wir alle kennen ja die vermischten, verwischten (und oft genug auch verklärten) Er­in­ne­run­gen an Orte, die letztlich nichts mehr mit der (als beglückend, bedrohlich oder wie auch immer empfundenen) subjektiven Realität zu tun haben, sondern nur noch als eine Art »spukhafte Erscheinung« in unserem Gedächtnis herumgeistern. Ralf Dieter Bischoff bringt das erstaunliche Kunststück zustande, diese seine persönlichen »Erinnerungsfetzen« mit fotografischen Mitteln einzufangen und zu materialisieren:

Arbeit aus dem Zyklus »WEGen« (Foto: Ralf Dieter Bischoff)

Für mich (und in mir) brachten die Bilder noch ganz andere Saiten zum Schwingen: Die Farben erinnerten mich an Gemälde von William Turner, einzelne Motive und Bildkompositionen an abstrahierte Hommagen an die alten Holländer (Brueghel!), die französischen Impressionisten, Spitzweg gar! Ob das nun zuviel des laienhaften Hi­nein­in­ter­pre­tie­rens ist, sei dahingestellt, für mich waren diese Anklänge durchaus evi­dent und meine Begeisterung weiter anfachend.

Die hier gezeigten Abbildungen vermögen übrigens die Vielschichtigkeit der Werke nicht annähernd anzudeuten: Je näher man an eine der Fotografien tritt, desto mehr (erstaunlich scharf auszumachende) Details werden sichtbar und verleiten zu de­tek­ti­vi­schen Einordnungs- und Identifizerungsversuchen. Entfernt man sich dagegen, wird der Eindruck im Wortsinne nebulös und geheimnisvoll bis hin zur Abstraktion. Selten so gestaunt!

Mit einem Preis von EUR 2.200 pro Bild sind die großformatigen Arbeiten [2] nicht eben billig, aber durchaus als preiswert zu bezeichnen [3], erhält man dafür doch nicht nur ein außerordentliches Kunstwerk, sondern auch die passende Präsentation in einem per­fekt gearbeiteten Schattenfugenrahmen, dessen lebendig gemasertes Holz ei­nen unangemessenen Eindruck von zu klinischer Sachlichkeit gar nicht erst auf­kom­men läßt. Kunst und Können in perfekter Synthese, davon sähe ich gerne und häu­fi­ger mehr!

Die Ausstellung »WEGen« ist noch bis zum 3. Juni 2017 in der Knauerstraße 3 in Nürnberg zu sehen (Do. und Fr. 14-18 Uhr; Sa. 12-16 Uhr und nach Vereinbarung). Gelegenheit zum persönlichen Kontakt mit dem Künstler besteht am 25. und 26. Mai von 14-18 Uhr.

 
[1] Laurentiu Feller und seine mittlerweile als »raum für zeitgenössische kunst.« firmierende Galerie in Gostenhof seien hiermit rehabilitiert: Inzwischen raucht auch dort längst niemand mehr inhäusig und der Kunstgenuß wird nicht länger durch ver­gif­te­te Atemluft tangiert und verdorben!

[2] 130×90 bzw. 90×130 cm netto, also jeweils zuzüglich Rahmen.

[3] Ich weiß natürlich auch, daß sich die Fotografie generell schwertut, als Kunst­gat­tung anerkannt zu werden: Die technische Reproduzierbarkeit der Arbeiten ist die Achillesferse, die dem fotografischen Werk den Nimbus des Unikates nimmt. Wenn ein(e) Kunstmaler(in) für das Resultat eines Nachmittags einen vierstelligen Preis an­setzt, so geht das jederzeit in Ordnung. Wenn aber ein Fotokünstler für das Ergebnis wochenlanger Feinarbeit das gleiche haben mag, rümpft ein Teil des Publikums die Nase. Dagegen helfen auch streng limitierte Aufgaben wenig, denn »knipsen kann ja jeder«. Nun ja, malen so gesehen aber auch…

  1. Manfred Siemantel  •  7. Mai. 2017, 12:18 Uhr

    Hallo Ralph,

    Danke für diesen Hinweis.

    Mit deiner gewohnt einfühlsamen Kunst der Beschreibung hast du mich auch »an­ge­fixt«. Ich werde hingehen – selbst nach Gostenhof.

    Gruß
    Manfred
    Alias Darwin

    #1 

  2. zonebattler  •  7. Mai. 2017, 12:38 Uhr

    Hallo Manfred,

    super. Du wirst es nicht bereuen!

    Herzlichen Gruß zurück aus dem Fürther Süden!

    #2 

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