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zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


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Ku­lis­sen­schie­be­rei

Der Herr Rup­pi 1979 weist uns freund­li­cher­wie­se dar­auf hin, daß un­ser schö­nes Für­ther Stadt­thea­ter kei­nes­wegs ein­ma­lig ist, son­dern tat­säch­lich (min­de­stens!) ein zwei­tes Mal in der Land­schaft steht, und zwar im ukrai­ni­schen Tscher­no­witz:

Stadttheater Fürth i. Bay.
 
Stadt­thea­ter Fürth i. Bay. [Bild­nach­weis]
Stadttheater Tschernowitz
 
Stadt­thea­ter Tscher­no­witz [Bild­nach­weis]

Was auf den er­sten Blick ver­blüfft und ver­wun­dert, ja so­gar ei­nen Pla­gi­ats-Ver­dacht auf­kom­men läßt, ist in Wirk­lich­keit ein Ex­em­pel schlau­er Auf­wands­mi­ni­mie­rung: Das Wie­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro Fell­ner & Hel­mer war in der Zeit vor dem Er­sten Welt­krieg auf sol­che Thea­ter­ge­bäu­de spe­zia­li­siert und sei­ner­zeit am Bau von vier Dut­zend ein­drucks­vol­ler Spiel­stät­ten be­tei­ligt. Mit sich be­reits an­dern­orts be­währt ha­ben­den Plä­nen und Kon­struk­tio­nen konn­te man na­tür­lich je­den Mit­be­wer­ber leicht & läs­sig un­ter­bie­ten und rasch zum Qua­si-Mo­no­po­li­sten auf­stei­gen...

Den auf­trag­ge­ben­den Kom­mu­nen wer­den die be­acht­li­chen Ein­spar­po­ten­tia­le si­cher ganz recht ge­kom­men sein, wa­ren doch bei den gro­ßen Ent­fer­nun­gen zwi­schen den je­wei­li­gen Zwil­lings­bau­ten Re­pu­ta­ti­on und Eh­re kaum ge­fähr­det. Schwer vor­stell­bar frei­lich, daß ein ko­sten­be­wuß­ter Bau­un­ter­neh­mer den Für­thern und Nürn­ber­gern den glei­chen Ent­wurf hät­te schmack­haft ma­chen kön­nen!

Diskussion

  1. Dr. Alexander Mayer  •  24. Nov. 2007, 8:15 Uhr

    Pa­te in Pa­ris

    Mit un­se­rem Thea­ter und je­nem in Czer­no­witz tauch­te kurz­zei­tig ein No­vum im Schaf­fen von Fellner&Helmer auf: Ein do­mi­nie­ren­der Por­tal­bo­gen, der nicht ei­nem Gie­bel oder an­de­ren Ele­men­ten un­ter­ge­ord­net ist, wie bei ei­ni­gen Vor­gän­ger­bau­ten. Zu­fall? Wohl kaum: Von der Epo­che der Im­pres­sio­ni­sten bis et­wa zu Be­ginn des Zwei­ten Welt­krie­ges war Pa­ris die Welt­haupt­stadt der Kunst, und sei­ner­zeit ver­stan­den sich die Ar­chi­tek­ten noch als Künst­ler. Die Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung war in Eu­ro­pa das ge­sell­schaft­li­che Er­eig­nis nicht nur des Ver­an­stal­tungs­jah­res 1900, ein ar­chi­tek­to­ni­scher Hö­he­punkt dort war das neo­ba­rocke Pe­tit Pa­lais (1897- 1900) von Charles Gi­rault mit sei­nem mar­kan­ten Bo­gen­por­tal, mit­hin ein Haupt­werk des spä­ten Hi­sto­ris­mus. Die Ähn­lich­keit der Kon­zep­ti­on ist frap­pie­rend.

    Un­ser Stadt­thea­ter ist auf­grund sei­ner Be­zü­ge ein durch und durch eu­ro­päi­sches Thea­ter mit ei­nem Pa­ten in Pa­ris, ei­nem Zwil­ling in Czer­no­witz und ei­nem wei­te­ren Ge­schwi­ster in Ge­ra so­wie vie­len wei­te­ren Ver­wand­ten zwi­schen dem Schwar­zen Meer und der Ost­see, zwi­schen der Do­nau und der Spree in Dut­zen­den Städ­ten. Wei­ter­hin ist un­ser Thea­ter ein Ex­po­nent ei­ner lan­ge Zeit ge­ra­de­zu ver­fem­ten Stil­rich­tung: Viel­fach wird der Hi­sto­ris­mus, der Fürth so durch­ge­hend präg­te, ge­ring­schät­zig be­trach­tet, weil er kein ei­ge­ner Stil sei und nur Ver­gan­ge­nes ko­piert ha­be. Aber was kam da­nach: An­fang des 20. Jahr­hun­dert wur­de die Pa­ro­le „Or­na­ment ist ver­geu­de­te Ar­beits­kraft und da­mit ver­geu­de­tes Ka­pi­tal“ aus­ge­ge­ben. Dem „Stilcha­os“ des Hi­sto­ris­mus folg­te der Funk­tio­na­lis­mus, die so ge­nann­te Mo­der­ne Ar­chi­tek­tur: ein Fort­schritt? So ge­se­hen, könn­te man den Hi­sto­ris­mus als letz­tes Auf­bäu­men der Äs­the­tik ge­gen die Tech­no­kra­tie, dem Funk­tio­na­lis­mus in­ter­pre­tie­ren, wo­von un­ser Thea­ter ein be­red­tes Zeug­nis ab­legt.

    #1 

  2. Ruppi 1979  •  24. Nov. 2007, 21:10 Uhr

    In­ters­san­ter Be­richt Hr. Dr. May­er. Vie­len Dank....

    #2 

  3. zonebattler  •  23. Sep. 2010, 7:02 Uhr

    Pres­se­spie­gel: »Die Stadt der to­ten Dich­ter« (FAZ.NET)

    #3 

  4. zonebattler  •  17. Nov. 2010, 20:47 Uhr

    Pres­se­spie­gel: »Ein Rat­haus im Dop­pel­pack« (FN)

    #4 

  5. RJWeb  •  18. Nov. 2010, 6:03 Uhr

    So ganz mag man dem Ver­fas­ser des Ar­ti­kels das mit dem Dop­pel­pack der Rat­häu­ser doch nicht ab­neh­men, ha­ben die Ge­bäu­de doch ei­ne durch­aus un­ter­schied­li­che Hi­sto­rie und un­ter­schei­den sich man­nig­fal­tig in der In­ter­pre­ta­ti­on des flo­ren­ti­ner Stils. Ein Lecker­bis­sen für die Au­gen sind sie trotz­dem al­le­mal, so wie es in der Re­gel auch flo­ren­ti­ner Ge­bäck für Gau­men, Herz und Ma­gen ist, wo und mit wel­chen An­wei­chun­gen vom Ori­gi­nal es auch im­mer ge­backen wur­de !

    #5 

  6. zonebattler  •  30. Nov. 2011, 15:27 Uhr

    Pres­se­spie­gel: »Ukrai­ni­scher Zwil­ling« (FN)

    Im letz­ten Ab­satz irrt der Au­tor: Die Ar­chi­tek­ten Fell­ner und Hel­mer ha­ben wei­land nicht nur thea­tra­li­sche Zwil­lin­ge, son­dern (min­de­stens) Vier­lin­ge hin­ter­las­sen: Im pol­ni­schen Tor­un (Thorn) so­wie im ru­mä­ni­schen Cluj ste­hen wei­te­re Thea­ter­bau­ten, de­nen die Ver­wandt­schaft zum Für­ther Ex­em­plar ins Ge­sicht ge­schrie­ben (resp. ge­mei­ßelt) steht.

    Dank an Ruppi1979 für den Hin­weis!

    #6 

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