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zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


« The Ea­gle Has Lan­ded Rät­sel­haf­tes Fürth (32) »

Wei­chen­stel­lun­gen

Es ist wie­der mal ei­ner je­ner Mon­ta­ge, an de­nen stän­dig die Te­le­fo­ne ru­fen und Du am Nach­mit­tag reich­lich ge­streßt aus dem Bü­ro fliehst, oh­ne in den mehr als acht Stun­den am Platz auch nur an­nä­hernd zu dem ge­kom­men zu sein, was Du Dir ei­gent­lich für heu­te vor­ge­nom­men hat­test. Al­les ist drin­gend, je­der hat ein un­auf­schieb­ba­res An­lie­gen, es gibt nir­gends mehr Re­ser­ven und dop­pel­te Bö­den, und so sehr Du auch ver­zwei­felt ver­suchst, die Fä­den zu­sam­men­zu­hal­ten, so we­nig spie­len das Le­ben und die Zwän­ge da drau­ßen mit. Ir­gend­wann geht es nicht mehr. Da läßt Du Dich in das wei­che Sitz­pol­ster Dei­nes Fei­er­abend­zu­ges fal­len und schaust nach dem Him­mel: Na­tür­lich, aus­ge­rech­net jetzt zieht es sich zu.

Aber bis zum Re­gen sind es be­stimmt noch zwei Stun­den hin, und so be­schließt Du spon­tan, den Zug nicht wie ge­wohnt in der Hei­mat­stadt zu ver­las­sen, son­dern noch et­was wei­ter ins Um­land hin­aus zu fah­ren, in je­nes Städt­chen, wo es ei­ne gro­ße Ver­kaufs­hal­le mit Sa­chen gibt, die an­de­re aus­ge­mu­stert und ei­nem gu­ten Zweck zu­lie­be ge­spen­det ha­ben. Des ei­nen Last kann des an­de­ren Lust sein. Ei­ne gu­te Ab­len­kung zu­dem, viel­leicht fin­det sich ein schö­nes al­tes Teil für die Kü­che oder die gu­te Stu­be, und war­um auch nicht...

Bis zum Ort der nost­al­gi­schen Ver­hei­ßun­gen ist es nicht weit, doch bleibt die Ex­kur­si­on oh­ne Fol­gen für Heim und Geld­beu­tel. Na, ist auch nicht ver­kehrt. Doch wie die Zeit bis zur Ab­fahrt des näch­sten Zu­ges in Rich­tung Stadt ver­brin­gen?

Die Fra­ge ist ei­ne rein rhe­to­ri­sche, denn der ein­sa­me Ort am Ran­de der Sied­lung ist vol­ler Er­in­ne­run­gen für Dich: vor ge­nau 25 Jah­ren hast Du nach ab­ge­schlos­se­ner Aus­bil­dung und be­stan­de­ner Prü­fung hier den Früh­ling und Tei­le des Som­mers im Stell­werk ge­ses­sen, nach­mit­tags, früh und nachts. Spä­ter warst Du in die Un­fall­be­reit­schaft ein­be­zo­gen und durf­test wäh­rend ei­ner gan­zen Wo­che den Be­reich der Haupt­dienst­stel­le nicht ver­las­sen: Da drü­ben im Gü­ter­schup­pen hat­test Du Dei­ne Luft­ma­trat­ze auf­ge­bla­sen und den knor­ri­gen al­ten Chef ver­wünscht, der sei­ne ei­ge­nen Be­reit­schafts­ta­ge wie selbst­ver­ständ­lich weit au­ßer­halb auf sei­ner »Ranch« ver­brach­te.

Die ro­sti­gen La­de­glei­se sind längst de­mon­tiert, ein­zig das Über­ho­lungs­leis und die Ab­zwei­gung der Ne­ben­strecke ha­ben dem Wind der Re­form bis heu­te stand­ge­hal­ten. Vor der mor­schen Ram­pe am Gü­ter­schup­pen lie­gen kei­ne Schie­nen mehr im Schot­ter, da­für hän­gen Gar­din­chen hin­ter den ma­ro­den Fen­stern. Das mäch­ti­ge Emp­fangs­ge­bäu­de hat zwei Jahr­hun­dert­wen­den ge­se­hen, bis auf die in den Or­bit schie­len­den Blech­tel­ler sieht die Sand­stein-Fas­sa­de aus wie ehe­dem.

Du schlen­derst durch die tri­ste klei­ne War­te­hal­le: Der Bo­den grau, Wän­de und Tü­ren des­glei­chen. Al­les grau. Das ehe­ma­li­ge Schalt­er­fen­ster ist not­dürf­tig ver­schlos­sen, hier schie­ben nur noch Au­to­ma­ten Dienst. Ein ein­zi­ger Mit­ar­bei­ter aus Fleisch und Blut – der Fahr­dienst­lei­ter – sitzt wei­ter­hin im Glas­ka­sten am Bahn­steig 1, ver­mut­lich im un­ver­än­der­ten Rhyth­mus von nach­mit­tags, früh und nachts. In zwei­ein­halb Stun­den kommt sein Ab­lö­ser.

Du klopfst an die Schei­be, zeigst Dein Kon­zern­pla­stik­teil vor und bit­test um die Gunst ei­ner Orts­be­sich­ti­gung. Und schon bist Du mit­ten drin, ein Schritt nur, doch ein Vier­tel­jahr­hun­dert weit...

Der al­te Stell­tisch, das Strecken­band, die Lich­ter, die Ta­sten. Ro­te Leucht­bal­ken mar­kie­ren die Zü­ge, sie sprin­gen von ei­nem Ab­schnitt in den näch­sten, von Wecker­schnar­ren oder sanf­tem Klin­gel­schlag be­glei­tet. Es riecht im­mer noch nach fei­nem Öl, ur­alten Pa­pie­ren und bahn­amt­li­chem Boh­ner­wachs. Die selbst­ge­ba­stel­te Flie­gen­pat­sche aus ei­nem Bam­bus­stöck­chen und ei­nem Le­der­flicken in­des exi­stiert nicht mehr. Vor der Sicht­schei­be und dem Flie­gen­git­ter flirrt die war­me Luft des Früh­lings­abends.

Zu Dei­ner Zeit gab es we­der Selbst­stell­be­trieb noch si­gna­li­sier­tes Fah­ren auf dem »fal­schen« Gleis, je­de ein­zel­ne Fahr­stra­ße muß­te ma­nu­ell ein­ge­stellt wer­den. Zwar nicht mehr mit Mus­kel­kraft wie auf den al­ten me­cha­ni­schen Stell­wer­ken, doch hat­te man auch als Knöpf­chen­drücker gut zu tun. Des Nachts konn­te man ver­bo­te­ner­wei­se ei­ne Durch­fahrt »auf Vor­rat« auf­zie­hen, dann hat­te man zwi­schen zwei ein­sa­men Ex­preß­gü­ter­zü­gen für ein gu­tes Stünd­chen Ru­he. Dö­sen frei­lich war nicht ge­stat­tet und im Grun­de auch gar nicht mög­lich: Auf dem lan­gen Strecken­ab­schnitt des Spur­plan-Ti­sches war im­mer ir­gend­et­was am Blin­ken, Achs­zäh­ler zähl­ten hier die ein­fah­ren­den Rad­sät­ze und dort die aus­fah­ren­den, bei Über­ein­stim­mung ga­ben sie den Ab­schnitt wie­der frei. Al­les wohl aus­ge­klü­gelt und in der Re­gel stö­rungs­frei und zu­ver­läs­sig funk­tio­nie­rend, doch we­he, wenn der Blitz ein­schlug und die Zäh­le­rei durch­ein­an­der­brach­te: Dann blie­ben die Ab­schnit­te feu­er­rot und es galt, den na­hen­den Zug ab­zu­war­ten und sein ei­gen­äu­gig be­ob­ach­te­tes Schluß­si­gnal an den Kol­le­gen streck­auf zu­rück­zu­mel­den, der­wei­len sich da­hin­ter die fol­gen­den Zü­ge an den Halt zei­gen­den Block­si­gna­len zu­rück­stau­ten. Fracht­stücken und Schütt­gü­tern war das ei­ner­lei, be­trof­fen­de Rei­sen­de frei­lich be­schwer­ten sich hin­ter­her gern über das, was letz­lich nur zu Ih­rer Si­cher­heit er­son­nen ward...

Das al­les ist Dir mit ei­nem Ma­le wie­der un­er­hört prä­sent, Dein nächt­li­ches Spie­gel­bild in der Fen­ster­schei­be, die pro­vo­zie­ren­de Lang­sam­keit des Uhr­zei­gers wäh­rend der Nacht­schich­ten, auch Dein schweiß­nas­ses Hoch­fah­ren aus un­ru­hi­gem Schlaf, als Du im Traum die drei grel­len Spit­zen­lich­ter be­we­gungs­los vor dem Ein­fahr­si­gnal zu se­hen glaub­test und plötz­lich ganz si­cher warst, kurz ein­ge­nickt ge­we­sen zu sein und den Schnell­zug oh­ne Grund hin­ge­stellt zu ha­ben, ein Fall für die So­fort­ver­fol­gung und oh­ne ei­ne plau­si­ble Aus­re­de zur Hand. Pas­siert ist Dir das nie, aber die Träu­me quäl­ten Dich noch, als Du schon längst nicht mehr im Glas­ka­sten Dienst ta­test. Von der rea­len Ka­ta­stro­phe, dem To­tal­aus­fall der Tech­nik an ei­nem Werk­tag­mor­gen, hast Du merk­wür­di­ger­wei­se nie ge­träumt, ob­wohl da­mals al­le Lämp­chen und Te­le­fo­ne wie ir­re ge­blinkt ha­ben und Du wie ein KO-ge­schla­ge­ner Bo­xer mit ei­nem Hand­tuch um den Nacken vor Dei­nem nutz­lo­sen In­stru­men­ta­ri­um ge­ses­sen bist...

Aber jetzt schaust Du Dir teils amü­siert, teils tief be­rührt den al­ten Ar­beits­platz an, der nicht wie die Neu­bau­ten voll ak­tu­el­ler Tech­nik steckt, son­dern mit ei­nem Sam­mel­su­ri­um son­der­glei­chen ge­füllt ist: Der mu­sea­le Stell­tisch aus den 1960ern ist flan­kiert von mo­der­nen Mo­ni­to­ren, kein tickern­der »Hell­schrei­ber« spuckt mehr me­ter­lang gum­mi­er­te Pa­pier­schlan­gen zum nas­sen Auf­kle­ben auf A4-Blät­ter aus, statt Strecken­fern­spre­chern mit Kur­bel gibt es längst di­gi­ta­len Zug­funk. Aus ei­ner hand­ge­säg­ten Öff­nung in der al­ten Holz­ver­klei­dung lugt ein PC her­aus. Al­les recht kom­plex zu­sam­men­ge­stückelt und doch voll in­ne­rer Lo­gik. Be­triebs­ver­fah­ren, oft mit Blut ge­schrie­ben, weil erst tra­gi­sche Un­fäl­le die ver­blie­be­nen Lücken im Re­gel­werk of­fen­bar ge­macht ha­ben.

Du wünscht Dir plötz­lich, Dei­ne ge­gen­wär­ti­ge Ar­beit wie­der ge­gen den Po­sten des Fahr­dienst­lei­ters ein­zu­tau­schen, und sei es nur ei­nen Som­mer lang: Kaum hat der Ab­lö­ser im Mel­de­buch un­ter­schrie­ben, geht ei­nen das al­les so lan­ge nichts mehr an, bis man sel­ber wie­der auf der Mat­te steht und die Dienstüber­nah­me quit­tiert. Auch nach vier Wo­chen Ab­we­sen­heit war­ten kei­ne Ak­ten­ber­ge und hun­dert­acht­zig ro­te Mails, hier gilt es im­mer nur die Ge­gen­wart zu be­wäl­ti­gen, das ist Her­aus­for­de­rung ge­nug. Kein Ge­dan­ke an Pro­jek­te, Ter­mi­ne und Mei­len­stei­ne schleicht sich in den Fei­er­abend oder ins Wo­chen­en­de, hier bleibt die Ar­beit am Ar­beits­platz, auch wenn der Schicht­dienst nicht je­der­manns Sa­che ist. Und die Dei­ne eben­falls nicht, wenn Du ehr­lich bist... Doch was hast Du in den zwei­ein­halb De­ka­den seit­her er­reicht?

Die hal­be Stun­de ist schnell ver­plau­dert, der net­te Kol­le­ge kennt so man­chen Na­men den Du her­vor­kramst noch aus der ei­ge­nen Er­in­ne­rung. Da kommt auch schon Dein Re­gio­nal­ex­preß um die Kur­ve, wenn Du den zie­hen läßt, mußt Du län­ger war­ten und wirst am En­de doch noch naß. Al­so ver­ab­schie­dest Du Dich rasch und fährst wie­der zu­rück. Auf dem Heim­weg schaust Du noch bei je­man­dem vor­bei, merkst aber, daß Dich die vor­der­grün­dig hei­te­re Stipp­vi­si­te von vor­hin im­mer noch be­schäf­tigt. Der Him­mel wird dunk­ler, die er­sten Trop­fen fal­len. Al­so nun end­lich ab durch die Mit­te, ei­nen Schirm hast Du ja nicht mit­ge­nom­men. Kurz vor der Haus­tür wird der ein­set­zen­de Re­gen hef­ti­ger, die Stra­ße ist men­schen­leer. Gut so, denkst Du Dir, da be­merkt we­nig­stens kei­ner das Was­ser in Dei­nen Au­gen.

  1. RJWeb  •  28. Apr. 2008, 22:11 Uhr

    Wow !

    Va­ge er­in­ne­re ich mich, die­sen Ar­beits­platz ein­mal be­sucht zu ha­ben, wenn ich mich recht er­in­ne­re stand der Ford Tau­nus vor der Tür (hat­te er da­mals schon den Tarn­an­strich ?), die wi­der­stan­de­ne Ver­su­chung, die Durch­fahrt des In­ter­ci­ty auf Gleis 1 mit sei­nem Ziel und al­len Zwi­schen­sta­tio­nen so­wie der ab­schlie­ßen­den Be­mer­kung, dass er hier nicht hal­ten wür­de, an­zu­sa­gen ... bis auf den heu­ti­gen Tag ein Grund des Schmun­zelns bei der Durch­fahrt durch be­sag­ten Bahn­hof.

    Je nun, lie­ber zo­ne­batt­ler, nützt es, der Ver­gan­gen­heit nach­zu­hän­gen ? Was bringt es, sich die Fra­gen des »was wä­re wenn« zu stel­len ... hier ist Dein schö­nes Fürth, und die Be­gei­ste­rung an den klei­nen Din­gen des Le­bens und die Freu­de über den Plausch mit dem Nach­barn, dem man zu­fäl­lig be­geg­net ... und mor­gen wer­den sie sich al­le wie­der dar­auf ver­las­sen, dass der zo­ne­batt­ler ih­re Pro­ble­me schon rich­ten wird, und ist es nicht schön, ge­braucht zu wer­den, die ei­ge­ne Er­fah­rung zur Lö­sung kom­ple­xer Pro­ble­me ein­zu­brin­gen ?

    Nur wacker vor­an, mein Freund !

    #1 

  2. zonebattler  •  28. Apr. 2008, 23:55 Uhr

    Du brauchst mir nicht...

    ...den Rücken zu stär­ken und das Seel­chen zu strei­cheln, mir geht’s blen­dend! Hast aber wohl schon wie­der ver­ges­sen, daß Du vor­ge­stern erst nach ei­ner Neu­auf­la­ge der hie­si­gen Blog­le­sung ge­fragt hast, wie? Was glaubst Du denn, was es zu­för­derst braucht für so ei­ne Le­sung? Rich­tig, Le­se­stoff! Al­so muß der la­tent laut Le­sen­de erst­mal wie­der was zum (Vor-)Lesen auf Hal­de schrei­ben und nicht nur bun­te Bild­chen ba­steln. Die mö­gen zwar nett an­zu­schau­en sein, fül­len aber nicht den Abend. Je­den­falls kei­nen, der se­riö­ser­wei­se un­ter »Le­sung« fir­mie­ren könn­te. Drum freu’ Dich stil­le über mei­ne Über­win­dung der Schreib­faul­heit und zer­re­de mir die er­zäh­le­ri­schen Knif­fe und dra­ma­tur­gi­schen Vol­ten nicht: Was da oben in der Ge­schich­te vom zo­ne­batt­ler stammt und was von mir selbst, das geht nie­man­den was an und bleibt ein gut ge­hü­te­tes Ge­heim­nis zwi­schen mei­nem al­ter ego und mei­ner rea­len We­nig­keit...

    P.S.: Ja, mein Strei­fen­wa­gen sah da­mals schon so aus!

    #2 

  3. Grabenkenner  •  29. Apr. 2008, 10:31 Uhr

    trotz­dem hat mei­ner Mei­nung nach das Auf­su­chen frü­he­rer Wir­kungs­stät­ten im­mer auch ei­nen fah­len Bei­geschmack....

    Des­halb: »Vor­wärts im­mer – rück­wärts nim­mer« :-)

    #3 

  4. zonebattler  •  29. Apr. 2008, 10:47 Uhr

    Sei be­ru­higt!

    Wo der zo­ne­batt­ler ist, ist vorn. Gleich­wohl wird er sich doch hin und wie­der ei­ne li­te­ra­ri­sche Fin­ger­übung er­lau­ben dür­fen... ;-)

    #4 

  5. RJWeb  •  29. Apr. 2008, 18:08 Uhr

    Wel­che ...

    ... be­ach­tens­wert aus­ge­fal­len ist, un­se­re Senf­zuga­ben sei­en da­her dem vir­tu­el­len zo­ne­batt­ler eben­so wie der Vir­tuo­si­tät sei­ner re­al exi­stie­ren­den Exi­stenz zu­ge­dacht ... ;-)

    #5 

  6. Grabenkenner  •  29. Apr. 2008, 19:46 Uhr

    hmmm...gibt‘s ei­gent­lich schon Stu­di­en (egal ob Lang- oder Kurz­zeit) über die Aus­wir­kun­gen des Blog­gens auf die Psy­che des Blog­gers ? Nicht dass sich das ir­gend­wann zur Per­sön­lich­keits­spal­tung aus­wächst...

    #6 

  7. zonebattler  •  29. Apr. 2008, 19:52 Uhr

    Man kann zu­min­dest...

    ...da­mit ins Mu­se­um kom­men...

    Üb­ri­gens wird an­ders­her­um ein Schuh draus: Ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten fan­gen ir­gend­wann mit dem Blog­gen an, um sich ih­rer Exi­stenz si­cher zu sein!

    #7 

  8. RJWeb  •  29. Apr. 2008, 23:33 Uhr

    Als al­ter ...

    ... Küm­mel­spal­ter kann ich mir die Be­mer­kung nicht ver­knei­fen, dass man an­schei­nend be­vor­zugt dann ins Mu­se­um kommt, wenn man so blog­gen möch­te, als wür­de man nicht be­ob­ach­tet.

    DIe Welt lebt von Ge­gen­sät­zen, und das macht sie erst in­ter­es­sant :-) !

    #8 

  9. Lexikaliker  •  30. Apr. 2008, 8:46 Uhr

    Dan­ke ...

    ... für die­se sehr in­ter­es­san­te und le­ben­di­ge Ge­schich­te, die ich mit gro­ßem In­ter­es­se ge­le­sen ha­be, und da­für, daß Du mich (und an­de­re) an so per­sön­li­chen Din­gen Dei­ner Ver­gan­gen­heit teil­ha­ben läßt.

    Im Ge­gen­satz zu manch an­de­ren kann ich je­doch nicht her­aus­le­sen, daß Du der Ver­gan­gen­heit nach­hängst, und auch dem Spruch „Vor­wärts im­mer – rück­wärts nim­mer“ mag ich nicht un­ein­ge­schränkt fol­gen.

    Vie­le Jah­re der Be­schäf­ti­gung mit kul­tur- und tech­nik­ge­schicht­li­chen As­pek­ten – al­so un­zäh­li­ge Blicke zu­rück – ha­ben mich mit Ein­sich­ten, Er­kennt­nis­sen und ei­nem ganz an­de­ren, um­fas­sen­de­ren Blick für die Ge­gen­wart be­lohnt. Die­sen Zu­ge­winn, von dem ich den­ke, daß man ihn nicht über­schät­zen kann, er­hielt ich durch den Be­such al­ter Wir­kungs­stät­ten, durch lan­ge Ge­sprä­che mit Men­schen, die den größ­ten Teil ih­res Wis­sens in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft mit ins Grab neh­men wer­den, durch die Lek­tü­re von Tei­len an­ti­qua­ri­scher Bü­cher, die in Neu­auf­la­gen nicht mehr ent­hal­ten wa­ren und auch mal – wie erst vor­ge­stern ge­sche­hen – durch das Wüh­len in Din­gen, die ei­nen gro­ßen Brand über­stan­den ha­ben. (Um Miß­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen: Nein, ich bin nicht fort­schritts­feind­lich und le­be auch nicht in der Ver­gan­gen­heit – da­von hal­ten mich Ar­beit und Pri­vat­le­ben wirk­sam ab. Ich möch­te es auch gar nicht, son­dern be­vor­zu­ge ei­ne gu­te Mi­schung aus alt und neu.)

    Zu kei­ner Zeit dach­te ich, daß frü­her al­les bes­ser war (das war es näm­lich ganz und gar nicht), doch bei man­chen Din­gen bin ich der An­sicht, daß ein klei­ner Schritt zu­rück der bes­se­re Schritt nach vor­ne ist. Und wenn der Schritt nicht mög­lich ist, dann viel­leicht der Blick.

    #9 

  10. pathologe  •  30. Apr. 2008, 8:58 Uhr

    Manch­mal

    muss man ein Stu­eck des We­ges zu­ru­eck­ge­hen um mit dem Wis­sen der Zu­kunft die Ver­gan­gen­heit noch ein­mal zu be­trach­ten. Vie­les, was ei­nem heu­te an der »gu­ten, al­ten Zeit« er­stre­bens- oder er­hal­tens­wert er­scheint, ver­liert doch kra­ef­tig an Far­be, sieht man ein zwei­tes mal, mit ge­bue­h­ren­dem Ab­stand, hin. Das geht mir ge­nau so.

    Oft den­ke ich, ob ich es nicht bes­ser, ein­fa­cher ha­et­te, wae­re ich noch an mei­ner al­ten Ar­beits­stel­le. Der von 1990 et­wa. Oder der von 2004. We­ni­ger Stress, mehr Deutsch­land, ein­ge­fah­re­ne Struk­tu­ren. Dann blicke ich zu­ru­eck und se­he, dass die Fir­ma von 2004 nicht mehr exi­stiert, die Nach­fol­ge­fir­ma be­reits seit ei­nem hal­ben Jahr auch im Nir­wa­na ent­schwun­den ist. Und die ehe­ma­li­gen Kol­le­gen su­chen nach halb­wegs gut be­zahl­ten Jobs. Die Fir­ma von 1990, ein gro­sser Kon­zern, in­zwi­schen zer­schla­gen und von den Ak­tio­nae­ren vor den Ka­di ge­zerrt (ja ja, der drit­te Bo­er­sen­gang...), war mal der Ga­rant fu­er ein stress­frei­es Exi­stie­ren bis zur Pen­si­on. Die Ab­tei­lun­gen gibt es nicht mehr, erst um­be­nannt, dann zu­sam­men­ge­legt, an neue Stand­or­te ver­bracht und in­zwi­schen auf­ge­loest.

    Ru­eck­blickend war es ei­ne schoe­ne Zeit, je­de fu­er sich, aber eben nur Sta­tio­nen auf dem Weg, der ei­gent­lich das Ziel ist.

    #10 

  11. FB  •  30. Apr. 2008, 9:19 Uhr

    Und un­ge­ach­tet des­sen kann man nicht mü­de wer­den zu be­to­nen, dass »neu« nicht au­to­ma­tisch im­mer »bes­ser« be­deu­tet.

    In die­sem Zu­sam­men­hang von Tra­di­ti­on und Ver­gan­gen­heit noch ein schö­nes Zi­tat von Ge­or­ge Ber­nard Shaw:

    »Tra­di­ti­on ist ei­ne La­ter­ne,
    der Dum­me hält sich an ihr fest,
    dem Klu­gen leuch­tet sie den Weg.“

    #11 

  12. ignorant  •  1. Mai. 2008, 1:02 Uhr

    Schö­ne Ge­schich­te, ge­ra­de weil die Ar­beit des Fdl so kennt­nis­reich ge­schil­dert wird. Es tut im­mer gut, Tex­te zu le­sen, bei de­nen der Au­tor Ah­nung von der Ma­te­rie hat – auch wenn man­cher Satz viel­leicht nur ver­ständ­lich ist, wenn man sich in Bahn­fo­ren her­um­treibt oder län­ge­re Zeit Puf­fer­küs­ser­ma­ga­zi­ne ge­le­sen hat (oder bei der Fir­ma ar­bei­tet).

    Da ich bald in Nürn­berg le­ben wer­de (Fürth hat nicht sol­len sein, auch wenn die be­sich­tig­te Woh­nung Si­mon­stra­ße, Ecke Ama­li­en­stra­ße al­les an­de­re als übel war), hat al­ler­dings et­was an­de­res mei­ne Neu­gier­de ge­weckt: Wä­re es mög­lich, die »Ver­kaufs­hal­le«, wel­che si­cher­lich ein Pe­dant in der Nicht­fik­ti­on hat, ein we­nig zu ent­klau­su­lie­ren?

    #12 

  13. zonebattler  •  1. Mai. 2008, 6:38 Uhr

    Du wirst doch nicht et­wa...

    ...je­ne durch Glas­fron­ten ver­un­stal­te­te EG-Woh­nung in­spi­ziert ha­ben, die vor Jah­ren noch als Schreib­wa­ren-La­den ge­nutzt wur­de? Oder die ge­gen­über im Hau­se der lan­ge still­ge­leg­ten Metz­ge­rei, in der neu­er­dings süd­län­di­sche To­ma­ten­ver­käu­fer zu re­üs­sie­ren trach­ten? Dann hät­test Du im Fall der Fäl­le ja nur ei­nen Kat­zen­wurf ent­fernt von uns Quar­tier be­zo­gen, und an­ge­sichts Dei­ner re­spek­ta­blen Ein­las­sun­gen zu Fürth und Nürn­berg wä­re Dir hier­orts ein herz­li­cher Emp­fang si­cher ge­we­sen! Na ja, auch aus Dei­nem neu­en Wohn­ort ne­ben­an könn­test Du frei­lich zu un­se­rem in­te­gra­ti­ons­för­dern­den Stamm­tisch be­quem und schnell an­rei­sen...

    Dei­ne Fra­ge be­ant­wor­te ich Dir na­tür­lich ger­ne, Mail an Dich ist un­ter­wegs!

    #13 

  14. ignorant  •  1. Mai. 2008, 10:53 Uhr

    Ein­mal lin­ke Rhein­strecke hin und zu­rück hat mir die Ge­le­gen­heit ge­ge­ben, die Er­eig­nis­se der letz­ten Wo­chen in Ru­he zu­sam­men­zu­fas­sen (wor­in auch dei­ne Fra­ge be­ant­wor­tet wird). Oh, ich seh ge­ra­de, du hast schon was bei mir hin­ter­las­sen.

    Vie­len Dank je­den­falls für die freund­li­che Ein­la­dung. Ich bin in die­ser Hin­sicht ja et­was un­ta­len­tiert, aber die Gat­tin hat freu­dig ge­nickt. Wir kom­men dann ab Au­gust noch­mal drauf zu­rück :-)

    #14 

  15. giardino  •  1. Mai. 2008, 11:07 Uhr

    Die­ser Text hat mich sehr be­rührt. Sei es die Me­lan­cho­lie ei­ner ver­meint­lich zu­fäl­li­gen Fahrt an Or­te der Ver­gan­gen­heit, Ih­re für die­ses Blog sehr per­sön­li­che Art der Schil­de­rung oder die (von mir nur all­zu sehr ge­teil­te) Sehn­sucht nach ei­ner Ar­beit, die ge­tan war, wenn man nach Hau­se ging. Dan­ke.

    #15 

  16. zonebattler  •  1. Mai. 2008, 11:32 Uhr

    Herr blue sky gi­ar­di­no, als be­ken­nen­der Be­wun­de­rer Ih­res Blog­ger­schaf­fens füh­le ich mich durch die­se Rück­mel­dung be­son­ders ge­ehrt. Das macht mir Mut, mich ab­seits mei­ner Knip­ser- und Ka­laue­rei­en ver­mehrt an der­lei sprach­li­chen Ka­bi­nett­stück­chen zu ver­su­chen. Herz­li­chen Dank mei­ner­seits! :-)

    #16 

  17. zonebattler  •  30. Sep. 2010, 6:13 Uhr

    Nach der ver­klä­ren­den Rück­schau ins Stell­werk hier ein un­ge­schmink­ter Blick in den Füh­rer­stand: »Im An­schluss Rich­tung We­sten« (FAZ.NET). Ein le­sens­wer­ter Ar­ti­kel über ei­ne be­mer­kens­wer­te Frau!

    #17 

  18. N8express  •  11. Jan. 2011, 18:22 Uhr

    Dank des heu­ti­gen, ak­tu­el­len Ein­trags mit dem (brav be­folg­ten) Link zum obi­gen, äl­te­ren Bei­trag hat­te ich als jun­ger Spund ge­ra­de ei­nen herr­lich sehn­süch­ti­gen Tag­traum: ob­wohl nie selbst als Fahr­dienst­lei­ter – üb­ri­gens ei­ne Be­rufs­be­zeich­nung, de­ren Ehr­wür­dig­keit und Be­deu­tung heu­te mei­stens schmäh­lich miß­ach­tet wird – tä­tig, ha­be ich mir ge­wünscht, es doch auch mal zu sein. Zu ver­lockend war die Schil­de­rung, wo ich doch ge­ra­de eben selbst ei­ni­ge Dut­zend mitt­ler­wei­le fett­schwar­ze (und nicht mehr ro­te) Mails und auch die er­wähn­ten un­be­ar­bei­te­ten Vor­gän­ge zu­rück­ge­las­sen ha­be...

    #18 

  19. zonebattler  •  11. Jan. 2011, 18:25 Uhr

    Die fett­schwar­zen Mails kann man schon wie­der rot krie­gen, wenn man denn weiß, wie... ;-)

    #19 

  20. RJWeb  •  11. Jan. 2011, 23:23 Uhr

    So’n Mist, jetzt schwirrt mir schon wie­der un­auf­hör­lich der al­te Spruch des zo­ne­batt­lers durch den Kopf :

    Ja grün ist der Haydn,
    der Haydn ist grün,
    aber rot wird Ros­si­ni
    wenn wir dran zieh’n ...

    #20 

  21. zonebattler  •  12. Jan. 2011, 6:33 Uhr

    Er­stens war das nie mein Spruch, son­dern ein von un­se­rem Mit­schü­ler Jan gern zi­tier­tes Non­sen­se-Ge­dichts ei­nes Au­tors na­mens Ger­hard Knor­re (oder so ähn­lich); zwei­tens ge­hört das ab­so­lut nicht hier­her. Ich bit­te dar­um, in den Kom­men­ta­ren ei­ni­ger­ma­ßen beim The­ma zu blei­ben, das hier ist ein per­sön­li­ches Blog und kein Brain­stor­ming-Flip­chart...

    #21 

  22. zonebattler  •  20. Jul. 2015, 14:38 Uhr

    Letz­te Wo­che war ich zwecks Be­suchs beim be­nach­bar­ten Ge­braucht­wa­ren­kauf­haus im Bahn­hof Sie­gels­dorf, dem hier­mit ver­ra­te­nen Ort des oben ge­schil­der­ten Ge­sche­hens. We­gen ei­ner Zug­ver­spä­tung hat­te ich vor der Rück­fahrt nach Fürth noch Zeit, durch die mit Spie­gel­fo­lie be­kleb­ten Fen­ster ei­nen fri­schen Blick in den Stell­werks­raum – mei­ner ehe­ma­li­gen Wir­kungs­stät­te – am Gleis 1 zu wer­fen. Doch was sah ich dies­mal? Gäh­nen­de Lee­re, bis auf et­was Keh­richt auf dem Bo­den. Al­les aus­ge­räumt, der gro­ße Sie­mens-Stell­tisch ver­schwun­den, al­le an­de­ren Mö­bel und Ge­rät­schaf­ten des­glei­chen.

    Zwar wuß­te ich schon längst, daß am an­de­ren Bahn­hofs­en­de so ein fen­ster­lo­ses (und im Re­gel­fal­le un­be­setz­tes) Stell­werk mo­dern­ster Bau­art von der Grö­ße ei­ner Dop­pel­ga­ra­ge er­rich­tet (und ir­gend­wann auch in Be­trieb ge­nom­men) wor­den war, aber zwi­schem dem Wis­sen um ei­ne Ar­beits­platz­auf­lö­sung und dem leib­haf­ti­gen Bild da­von gibt es ei­ne Ab­strak­ti­ons­lücke, die sich nun plötz­lich vor und in mir schloß.

    Schon ko­misch: Die sechs Mo­na­te als Fahr­dienst­lei­ter sind ja nur ein Wim­pern­schlag in mei­nem mitt­ler­wei­le 35 Dienst­jah­ren bei der Ei­sen­bahn. Den­noch hat sich die­se Zeit of­fen­bar sehr nach­hal­tig in mei­ne Syn­ap­sen ein­ge­gra­ben, und daß, ob­wohl ich bei­lei­be kein fer­ro­se­xu­el­ler Puf­fer­küs­ser bin...

    #22 

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