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zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


« Um­klam­me­rung Eis­kalt er­wischt »

Die Ver­kehrs­in­sel (6)

Im Mit­tel­punkt der heu­ti­gen Fol­ge der zo­ne­batt­ler­schen Rei­se­be­richt­erstat­tung steht der Mensch als sol­cher, und zwar so­wohl in sei­ner Aus­prä­gung als sta­tio­när wal­ten­der Ein­hei­mi­scher wie auch in sei­ner phä­no­ty­pi­schen Er­schei­nung als Frem­der und Tou­rist. Al­len Zwei­bei­nern ge­mein ist ein la­ten­ter Hang zur trot­zi­gen Un­ver­nunft im Ver­hal­ten, wel­cher wie­der­um bei Rei­sen­den – ver­mut­lich we­gen der feh­len­den So­zi­al­kon­trol­le des hei­mi­schen Ha­bi­tats so­wie der Nicht-All­täg­lich­keit der tem­po­rä­ren Le­bens­füh­rung – deut­lich stär­ker aus­ge­prägt ist.

Als il­lu­strie­ren­des Bei­spiel mö­ge die ex­zes­si­ve Son­nen­licht-Ex­po­si­ti­on der ei­ge­nen Schwar­te die­nen, die ja nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen nicht nur zur Be­wun­de­rung durch Art­ge­nos­sen, son­dern auch zum (durch­aus we­ni­ger an­ge­neh­men) Haut­krebs füh­ren kann. Da die mög­li­chen ge­sund­heit­li­chen Nach­tei­le des Son­nen­ba­dens seit lan­gem be­kannt sind, be­mü­hen sich die Men­schen in ih­rem hei­mi­schen Um­feld ge­mein­hin um »scho­nen­des« Gril­len:

Beim Sonnenbad: schlafende Frau und wacher Hund

Tou­ri­sten hin­ge­gen las­sen nicht sel­ten al­le Ra­tio in der Hei­mat zu­rück. Na­ment­lich die bri­ti­schen Pau­schal-Rei­sen­den nei­gen da­zu, am er­sten Tag ih­res Ur­laubs­auf­ent­halts kä­se­weiß bis krei­de­bleich zum Früh­stücks­buf­ett zu er­schei­nen, am zwei­ten Mor­gen je­doch be­reits in leuch­ten­dem Feu­er­rot nach Art frisch ge­koch­ter Hum­mer. Mög­li­cher­wei­se sind sie der Auf­fas­sung, daß Ver­bren­nun­gen zwei­ten Gra­des ein ge­rin­ger Preis für die ver­lockend er­schei­nen­de Aus­sicht sind, in ih­ren zwei Wo­chen auf der klei­nen In­sel mehr Son­ne »tan­ken« zu kön­nen als den Rest des Jah­res über da­heim auf dem gro­ßen Ei­land mit sei­ner sprich­wört­lich ne­bu­lö­sen Wit­te­rung...

Schwie­ri­ger noch als das Ein­hal­ten ei­ner to­la­ra­blen Be­strah­lungs­do­sis ist das Fin­den ei­ner kom­mu­ni­ka­ti­ven Ba­sis mit dem mit­rei­sen­den Part­ner. Nicht we­ni­ge Paa­re se­hen sich im lang er­sehn­ten Ur­laub mit der un­ver­hofft auf­tre­ten­den Si­tua­ti­on kon­fron­tiert, mehr als die werk­täg­lich üb­li­chen paar Mi­nu­ten mit­ein­an­der re­den zu kön­nen (oder gar zu müs­sen). Kein Wun­der, das ei­nem da mit­un­ter die Wor­te feh­len:

distanziertes Paar in der Bucht von Xlendi (Gozo)

Na, im­mer­hin ist das Hand­tuch zwi­schen den bei­den hier im Bild noch nicht zer­ris­sen. Fei­ner her­aus sind da je­ne, die Mal­ta oh­ne­hin nur an­steu­ern, um non-stop Par­ty zu fei­ern. Wer sol­ches tut, braucht sich im don­nern­den Ge­stamp­fe mehr oder we­ni­ger mu­si­ka­li­scher Rhyth­men oh­ne­hin nicht ver­bal zu äu­ßern, es ver­stün­de ihn eh kei­ner. Die zur hel­len Ta­ges­zeit da­von sicht­ba­ren Spu­ren im für der­lei Ex­zes­se zu­stän­di­gen Ort St. Julian’s ha­ben dem Be­richt­erstat­ter schon von fer­ne ge­zeigt, daß das sei­ne Welt nicht ist, wes­halb er sich da­zu auch nicht wei­ter aus­las­sen kann und mag.

Doch sche­ren wir uns nicht wei­ter um die zwi­schen­mensch­li­chen Ri­si­ken und Ne­ben­wir­kun­gen ei­nes mit ho­hem Er­war­tungs­druck an­ge­tre­te­nen Er­ho­lungs­ur­laubs (!), wen­den wir uns viel­mehr wie­der der Be­trach­tung der mal­te­si­schen Be­völ­ke­rung zu. Hier be­trach­tet ih­rer­seits ei­ne männ­li­che Aus­wahl der­sel­ben die po­li­zei­amt­li­chen Kon­se­quen­zen ei­nes klei­ne­ren Ver­kehrs­un­falls mit min­de­ren Blech­schä­den:

Drei müßiggängerische Kibitze

Tja, den ge­mei­nen Mal­te­ken bringt so schnell nichts aus der Ru­he. Ist ja auch kein Wun­der bei der be­weg­ten Ge­schich­te: Wer so vie­le Be­sat­zer, Er­obe­rer, Re­gen­ten und Ver­wal­ter hat kom­men (und wie­der ge­hen) se­hen, der regt sich über Ba­ga­tel­len nicht mehr auf, son­dern freut sich al­len­falls über die klei­ne Ab­wechs­lung im an­son­sten un­spek­ta­ku­lä­ren Ta­ges­lauf.

Mög­li­cher­wei­se wirkt auch das Fi­schen und An­geln – ein auf In­seln aus na­he­lie­gen­den Grün­den weit­ver­brei­te­ter Zeit­ver­treib – be­ru­hi­gend auf das Ge­müt. Je­den­falls ge­ben die ru­ten­schwin­gen­den Män­ner rund um die Ha­fen­pro­me­na­den nicht nur pit­to­res­ke Gen­re-Mo­ti­ve, son­dern auch ein Bild der Ru­he ab:

Angler beim Angeln mit Angel

Wo­bei das mit der Ru­he so ei­ne Sa­che ist: Wie wir ja schon ge­hört ha­ben, han­tie­ren die männ­li­chen Mal­te­ken nicht nur mit der An­gel­ru­te her­um, son­dern auch ger­ne mit dem Schieß­ge­wehr, was der me­di­ta­ti­ven Kon­tem­pla­ti­on der Schüt­zen wo­mög­lich den Hö­he­punkt be­schert, dem arg­lo­sen Wan­de­rer in­des ei­nen jä­hen Schrecken.

Al­ler ka­tho­li­schen Fröm­mig­keit zum Trotz hat der Jagd­trieb der Mal­te­ken, der ab­so­lut nix mit tra­di­ti­ons­be­wuß­ter Wehr­haf­tig­keit zu tun hat (die Sing­vö­gel grei­fen die In­sel ja nicht an und feind­li­che Jagd­bom­ber wie­der­um wä­ren mit Blei­schrot schwer­lich zu be­ein­drucken), sei­nen Nie­der­schlag in der kol­lek­ti­ven Iko­no­gra­phie ge­fun­den. Hier sieht man ein­deu­tig, wo­her der Wind weht:

Wetterhahn bzw. Windfahne in Form eines Ballermanns

Ei­ne Fas­zi­na­ti­on für das Schie­ßen, ins­be­son­de­re mit weit grö­ße­ren Ka­li­bern, ist auch den bri­ti­schen Be­su­chern zu ei­gen (den männ­li­chen, ver­steht sich). Ger­ne be­su­chen sie da­her in Mann­schafts­stär­ke die Re­lik­te der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in, auf und um Mal­ta. Der Chro­nist hat ei­nem fan­ta­sie­be­gab­ten Hob­by-Hi­sto­ri­ker die fi­xe Idee aus­re­den müs­sen, wo­nach es sich bei di­ver­sen auf­ge­ge­ben Ba­de­becken am Fel­sen­strand um Ge­schütz­stel­lun­gen (»gun em­pla­ce­ments«) aus dem zwei­ten Welt­krieg ge­han­delt ha­be. Die Ex­zen­tri­zi­tät der Eng­län­der mag auch beim Mi­li­tär die ei­ne oder an­de­re Ent­spre­chung ge­fun­den ha­ben, aber auch die Ka­no­nie­re Ih­rer Ma­je­stät schos­sen und schie­ßen ger­ne mit trocke­nen Fü­ßen und un­be­hel­ligt von Eb­be und Flut!

Ein im­mer­hin nett an­zu­schau­en­des Re­likt des mi­li­tä­ri­schen Er­bes aus der Ko­lo­ni­al­zeit ist die Wa­che vor dem Groß­mei­ster­pa­last in Val­let­ta. Schnei­di­ge Kerls in fe­schen Uni­for­men knal­len mit ih­ren ei­sen­be­schla­ge­nen Tre­tern auf den Bo­den, fuch­teln ri­tua­li­siert mit ih­ren sei­ten­ge­wehr­be­stück­ten Ka­ra­bi­nern her­um und wer­den an­schlie­ßend in ih­ren win­zi­gen Schil­d­er­häus­chen von den Tou­ri­sten – zo­ne­batt­ler in­klu­si­ve – als Ku­rio­si­tät ab­ge­lich­tet:

Wachhabender beim Wachen im Wachhäuschen

Mei­ner ei­ner hat mit Männ­lich­keits­ri­tua­len und Im­po­nier­ge­ha­be we­nig am Hut, aber ich bin ja auch nur ein ol­ler zo­ne­batt­ler und kein gan­zer Kerl.

Doch auch die Ker­le wa­ren mal Kin­der, und de­nen wol­len wir uns heu­te ab­schlie­ßend zu­wen­den. Auf den er­sten Blick schau­en die Jungs und Mä­dels auf Mal­ta ge­nau­so aus wie der früh­rei­fe Nach­wuchs al­ler­or­ten, man trifft sich drau­ßen, fin­det sich und sei­ne Freun­de cool und die an­de­ren doof (und vice ver­sa).

Knaben unter sich

Ein be­mer­kens­wer­ter Un­ter­schied zur hei­mi­schen Ju­gend ist uns al­ler­dings auf­ge­fal­len: Die Er­zie­hung zum so­zia­len We­sen scheint auf Mal­ta noch be­stens zu funk­tio­nie­ren! Jun­ge Leu­te ste­hen, ja sprin­gen un­auf­ge­for­dert in den rap­pel­vol­len Bus­sen auf, wenn äl­te­re Men­schen zu­stei­gen und ei­nen Sitz­platz ge­brau­chen könn­ten. Steht man als Aus­wär­ti­ger rat­los mit Land­kar­te oder Stadt­plan in der Hand am We­ges­rand her­um, kriegt man von alt und jung so­gleich Ori­en­tie­rungs­hil­fe an­ge­bo­ten. Ob das nun mit der star­ken Ver­wur­ze­lung im Chri­sten­tum rö­mi­scher Prä­gung zu tun hat, sei da­hin­ge­stellt. In je­dem Fall sind Höf­lich­keit und ge­gen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me es­sen­ti­el­le so­zia­le Schmier­stof­fe in dicht­be­völ­ker­ten Le­bens­räu­men, und daß der­lei Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten an­dern­orts kei­ne mehr sind, ist mehr als nur scha­de.

Ins nä­he­re Ge­spräch sind wir mit Ju­gend­li­chen nicht ge­kom­men, was hät­ten wir ih­nen auch er­zäh­len kön­nen? Es war aber of­fen­sicht­lich, daß es ih­nen trotz der pe­ri­phe­ren In­sel­la­ge an nichts fehlt, was ih­re Al­ters­ge­nos­sen auf dem Fest­land für selbst­ver­ständ­lich hal­ten. Auch das In­ter­net wird sei­nen Teil da­zu bei­tra­gen, daß Iso­la­ti­ons­ge­füh­le gar nicht erst auf­kom­men. Zu kau­fen gibt es heut­zu­ta­ge so­wie­so al­les über­all. Üb­ri­gens muß man­cher­lei Spiel­zeug, wel­ches im Für­ther Um­land er­dacht wor­den ist, noch nicht ein­mal im­por­tiert wer­den: Sämt­li­che Play­mo­bil-Fi­gu­ren et­wa er­blicken schon lan­ge nicht mehr in Zirn­dorf das Licht der Welt, son­dern mit­ten in Mal­ta! Das gilt auch für die in der Für­ther Fuß­gän­ger­zo­ne ver­kauf­ten Ex­em­pla­re, wie de­ren Schach­tel­auf­drucke be­wei­sen...

noch eine Rotte junger Freunde

Das Zeit­fen­ster für die spie­le­ri­sche Be­schäf­ti­gung mit Pla­stik-Männ­chen scheint in­des im­mer kür­zer zu wer­den: Kaum muß man nicht mehr be­fürch­ten, daß das Klein­kind die Din­ger ver­schluckt, da ist es auch schon fast in der Pu­ber­tät an­ge­langt und be­ginnt sich für rich­ti­ge Männ­chen (oder Weib­chen) zu in­ter­es­sie­ren. Das ist auf Mal­ta nicht an­ders als in Deutsch­land und den an­de­ren west­li­chen Län­dern.

Wir sind nun auch an­ge­langt, und zwar am En­de der heu­ti­gen Fol­ge. Dem­nächst gibt es ei­ne wei­te­re mit neu­en fo­to­gra­fi­schen Im­pres­sio­nen aus dem klei­nen In­sel­staat zwi­schen Eu­ro­pa und Afri­ka.

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  1. Tatjana W.  •  4. Jul. 2012, 11:35 Uhr

    Du fasst mit prä­zi­sem Blick all die schö­nen De­tails auf, die man an der Son­nen­in­sel so liebt! Dein Text er­in­nert mich so sehr an un­se­ren Ur­laub dort let­zes Jahr, bei­na­he ein we­nig weh­mü­tig! Es ist wirk­lich schön, wie gut du die Stim­mung dort ein­fan­gen kannst – seis durch dei­ne Fo­tos oder dei­ne Tex­te. Wei­ter so! :)

    #1 

  2. zonebattler  •  4. Jul. 2012, 11:55 Uhr

    Vie­len Dank, so­was geht run­ter wie Oli­ven-Öl... ;-)

    #2 

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