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zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


« Fünf nach zwölf 1000 Grün­de, Fürth zu lie­ben (76) »

Die Ver­kehrs­in­sel (13)

Nach zehn im Wort­sin­ne ein­drucks­vol­len Ta­gen auf Go­zo freu­ten wir uns auf die uns ver­blei­ben­de Ur­laubs­wo­che auf der Haupt­in­sel Mal­tas. Wir setz­ten mit der Fäh­re über und wur­den am Ter­mi­nal be­reits von ei­nem per­sön­li­chen Chauf­feur er­war­tet [1], der uns schnur­stracks nach Val­let­ta brach­te und uns da­bei auf­grund bau­be­ding­ter Ein­bahn­stra­ßen-Re­ge­lun­gen ei­ne un­frei­wil­lig-aus­ge­dehn­te Stadt­rund­fahrt durch das arg ver­win­kel­te La­by­rinth der en­gen Stra­ßen und Gas­sen Val­let­tas zu­teil wer­den ließ...

Wir bo­ten dem ge­streß­ten Fah­rer schließ­lich an, die letz­ten paar Me­ter zu un­se­rer neu­en Her­ber­ge mit Sack und Pack zu Fuß zu­rück­zu­le­gen, aber ei­ne der­ar­ti­ge Ka­pi­tu­la­ti­on vor den Ver­hält­nis­sen kam für ihn schon aus Grün­den der Eh­re nicht in Fra­ge. Ir­gend­wann schaff­te er es dann schließ­lich doch, uns di­rekt vor dem Os­bor­ne Ho­tel ab­zu­lie­fern.

Un­ser Zim­mer dort war deut­lich klei­ner als das im Grand Ho­tel auf Go­zo, da­für um­so prak­ti­scher ein­ge­rich­tet mit ei­ner Viel­zahl an Ver­s­tau­mög­lich­kei­ten. Es fehl­te uns an nichts Re­le­van­tem. Al­so erst mal al­les wie­der aus­ge­packt und ein­sor­tiert, den klei­nen Ta­ges­ruck­sack ge­schul­tert und raus auf die Stra­ße. Wo uns als er­stes die Ele­ganz der Städ­te­rin­nen auf­fiel, die sich sty­li­stisch deut­lich von der der Tou­ri­stin­nen ab­hebt:

in den Feierabend enteilende Malteserin

Val­let­ta ist im Grun­de wie Fürth: ei­ner­seits groß ge­nug, um ur­ba­nes Le­ben zu be­her­ber­gen, an­de­rer­seits klein ge­nug, um ein über­schau­ba­res Kaff zu blei­ben. Und über­all hi­sto­ri­sche Bau­sub­stanz, wo­mit sie al­ler­dings auf Mal­ta min­de­stens so sorg­los um­zu­ge­hen schei­nen wie bei uns in Fürth. Aber die von den Groß­mei­stern des Mal­te­ser­or­dens zur ein­drucks­vol­len Fe­stung aus­ge­bau­te Haupt­stadt Mal­tas bie­tet noch mehr: ita­lie­ni­sche Ein­flüs­se sind eben­so zu spü­ren wie ara­bi­sche und afri­ka­ni­sche, wo­bei das me­di­ter­ra­ne Flair noch mit ei­ner or­dent­li­chen Pri­se bri­ti­scher Ko­lo­ni­al-Ära ge­würzt ist. Die­se Mi­schung ist ei­ni­ger­ma­ßen ori­gi­nell und an­ders­wo nicht an­zu­tref­fen.

Fin­den tut man in so ei­ner Me­lan­ge Fo­to-Mo­ti­ve oh­ne En­de, die mei­sten Tou­ri­sten se­hen fol­ge­rich­ti­ger­wei­se die Stadt nicht pri­mär mit ei­ge­nen Au­gen, son­dern als Su­cher-Ab­bild auf dem Dis­play ih­res un­ab­läs­sig vor die Au­gen ge­hal­te­nen Smart­pho­nes! Auch der zo­ne­batt­ler hat na­tür­lich oft sei­ne Ka­me­ra in An­schlag ge­bracht, wo­bei es ihm wie meist we­ni­ger um die aus den Rei­se­füh­rern be­kann­ten »Se­hens­wür­dig­kei­ten« ging, son­dern um Licht­spie­le, De­tails und Struk­tu­ren. Wie zum Bei­spiel um die Strei­fen­mu­ster von Well­bläch­dä­chern, die ih­re zu­fäl­li­ge Fort­set­zung in den vor ih­nen ge­la­ger­ten Ru­der­boo­ten fan­den:

graue Dächer, blaue Boote

Der­lei Mo­ti­ve mag ich gern, wo­zu soll­te ich auch ab­lich­ten, was in je­dem Bild­band schö­ner zu se­hen ist, weil de­ren Fo­to­gra­fen im Ge­gen­satz zu mir bei Son­nen­auf- oder ‑un­ter­gang zur Stel­le wa­ren, mit­hin die spek­ta­ku­lä­re­ren Licht­ver­hält­nis­se vor­teil­haft zu nut­zen wuß­ten? Eben. Un­ser­ei­ner guckt da lie­ber un­ter­tags in die we­ni­ger re­prä­sen­ta­ti­ven Ecken. Und was sieht man da? Ge­nau, die glei­chen Ni­schen­be­woh­ner wie in Fürth:

von ihrer fotografischen Festhaltung befremdete Taube

Wei­te­re Mo­ti­ve ver­dan­ken sich dem Um­stand, daß man im Früh­ling, der Vor­sai­son al­so, noch nicht so­vie­le Tou­ri­sten an­trifft, die durch ih­re schie­re Prä­senz den Blick auf das struk­tu­rell Fest­hal­tens­wer­te ver­stel­len. So ein Bild wie das fol­gen­de wä­re an ei­nem hoch­sai­so­na­len Som­mer­abend si­cher­lich nicht so ein­fach und oh­ne län­ge­re War­te­zeit ein­zu­fan­gen:

verwaiste Stühle und Tische in einem Café an den Festungsmauern Vallettas

Na­tür­lich zog es uns bald auch wie­der zu je­nen schö­nen Or­ten, an de­nen wir schon im Jahr zu­vor Ge­fal­len ge­fun­den hat­ten. Bei­spiels­wei­se zu den Up­per Barrak­ka Gar­dens, von de­nen schon im zwei­ten Teil die Re­de war. Der wei­te Pan­ora­ma­blick über den Ha­fen lockt Schau­lu­sti­ge in gro­ßer Zahl an, auch wenn der ei­ne oder die an­de­re die im­po­nie­ren­de Um­ge­bung lie­ber zum Ab­schwei­fen in in­ne­re oder ima­gi­nä­re Wel­ten nutzt:

ins Lesen vertiefte Besucherin der Upper Barrakka Gardens

Rich­ten wir aber die Lin­se dann doch noch über die Mau­ern und hin­un­ter ins Was­ser, wo sich vom Falt­boot bis zur aus­ge­wach­se­nen Bohr­in­sel (!) Was­ser­fahr­zeu­ge al­ler Ka­te­go­ri­en und Ge­wichts­klas­sen tum­meln und sich be­ob­ach­ten las­sen:

kleiner Kutter bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Valletta

Ein paar Ta­ge spä­ter ent­deck­te ich dann aber doch ei­ne ganz neue At­trak­ti­on, von der ich schon auf dem Hin­flug im Kun­den­ma­ga­zin der Air Mal­ta ge­le­sen hat­te und die in nur we­ni­gen Geh­mi­nu­ten vom Ho­tel aus zu er­rei­chen war: Im »The Fort­ress Buil­ders In­ter­pre­ta­ti­on Cent­re« wird die Ge­schich­te des Fe­stungs­baus auf mul­ti­me­dia­le und di­dak­tisch mo­der­ne Art und Wei­se er­zählt und er­läu­tert. Von den An­fän­gen der Ver­tei­di­gungs­bau­ten in früh­ge­schicht­li­cher Zeit spannt sich der Bo­gen über die re­gel­rech­te Bau­wut des Mal­te­ser­or­dens bis hin zu den neu­zeit­li­chen Bun­ker­an­la­gen der Bri­ten im zwei­ten Welt­krieg.

Von den Ex­po­na­ten ver­die­nen die zahl­rei­chen Mo­del­le, die hi­sto­ri­schen Fo­tos und die groß­flä­chi­gen Bild­ta­feln be­son­de­re Er­wäh­nung. Die Bild­schirm­sta­tio­nen mit ani­mier­ten Prä­sen­ta­tio­nen sind at­trak­tiv ge­stal­tet und ver­locken zu stun­den­lan­ger Be­schäf­ti­gung da­mit: Der mensch­li­che Er­fin­der­geist war und ist in mi­li­tä­ri­schen Be­lan­gen ja seit je­her am krea­tiv­sten. Auch klas­si­sche Ar­chi­tek­tur­mo­del­le sind nach wie vor in­ter­es­san­te Stu­di­en­ob­jek­te, er­kennt man an ih­nen doch die grö­ße­ren Struk­tu­ren und Kon­zep­te, die man – als klei­ner Wicht vor den rie­si­gen Ori­gi­nal­mau­ern ste­hend – durch­aus be­ab­sich­tig­ter­wei­se nicht wahr­zu­neh­men im­stan­de ist:

Holzmodell der Befestigungsanlagen Vallettas

In die Er­rich­tung des Zen­trums sind – wie bei vie­len von uns be­sich­tig­ten In­fra­struk­tur­maß­nah­men – be­acht­li­che Men­ge an EU-För­der­mit­teln ge­flos­sen (ge­nau­er ge­sagt: stol­ze 85%), wo­mit auch un­ser­eins mit sei­nen Steu­er­gel­dern sei­nen klei­nen An­teil am Er­geb­nis ha­ben dürf­te. Die deut­sche (Mit-)Aufbauhilfe geht voll in Ord­nung an­ge­sichts des Um­stan­des, daß die teu­to­ni­sche Luft­waf­fe vor 70 Jah­ren sehr wir­kungs­voll und un­ge­be­ten­er­wei­se am Ge­gen­teil mit­ge­wirkt hat...

Lei­der ha­ben zwi­schen­zeit­li­che Wah­len und ein Re­gie­rungs­wech­sel das schicke Zen­trum schon kurz nach sei­ner Er­öff­nung in ei­ne pre­kä­re La­ge ge­bracht: Der Di­rek­tor hat Mü­he, Drucker­pa­tro­nen und an­de­re Ver­brauchs­ma­te­ria­li­en zu fi­nan­zie­ren, sei­ne we­ni­gen wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter sit­zen auf von da­heim mit­ge­brach­ten Stüh­len. Ca­fe­te­ria und Mu­se­ums­shop exi­stie­ren b.a.w. nur auf dem Pa­pier, und für ei­ne be­su­cher­zah­len­för­dern­de Be­schil­de­rung im Au­ßen­be­reich hat es auch nicht ge­reicht: Wie im­mer kom­men die Mit­tel für den Bau aus an­de­ren Töp­fen als die für die Be­triebs­füh­rung und In­stand­hal­tung, wor­auf ich spä­ter noch ein­mal zu­rück­kom­men wer­de. Für heu­te wen­den wir uns kopf­schüt­telnd ab und lin­sen über die Schul­tern ei­ner auf der ober­sten Ter­ras­se an der Fe­stungs­mau­er pau­sie­ren­den Zen­trums-Mit­ar­bei­te­rin hin­über nach Slie­ma:

Blick von Valletta nach Sliema

Tja. Hü­ben Fe­stungs­wäl­le, drü­ben Bet­ten­bur­gen. So­li­der ist al­le­mal das al­te Ge­mäu­er, schon we­gen der Dicke sei­ner Wän­de. Den­noch fährt man mit dem Pa­ra­dig­men­wech­sel of­fen­bar nicht schlecht: Wäh­rend man die In­va­so­ren frü­her erst mit Boll­wer­ken drau­ßen und spä­ter mit Ka­no­nen auf Di­stanz hielt, läßt man sie heu­te als zah­len­de Gä­ste ins Land hin­ein und nimmt ih­nen das Geld ab, oh­ne sich mit ih­nen zu hau­en. Ei­ne klas­si­sche Win-Win-Si­tua­ti­on!

Mit die­sen phi­lo­so­phi­schen Be­trach­tun­gen ver­ab­schie­det sich der Au­tor für heu­te. In der näch­sten Fol­ge geht es raus aus der Haupt­stadt, die Kü­ste ent­lang. Al­ler­lei merk­wür­di­ge Din­ge gibt es näm­lich auch da...

 
[1] Mit die­sem uns kurz­fri­stig an­ge­kün­dig­ten Ser­vice un­se­res Rei­se­ver­an­stal­ters hat­ten wir gar nicht ge­rech­net: Auf­grund un­se­rer un­ge­wöhn­li­chen Rei­se­bu­chung mit Orts- und Ho­tel­wech­sel mit­ten­drin wa­ren wir da­von aus­ge­gan­gen, den »Zwi­schen­trans­fer« auf ei­ge­ne Faust un­ter­neh­men zu müs­sen. Ein Hoch auf die ört­li­che Stadt­hal­te­rin von FTI-Tou­ri­stik, Frau Borg!

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