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zonebattler's homezone 2.1 - Merkwürdiges aus Fürth und der Welt


Sonntag, 17. Oktober 2010

Rei­se ins Re­vier (3)

Nach dem Auf­wa­chen auf dem – wie es ein smar­ter Mak­ler sehr tref­fend aus­drücken wür­de – äu­ßerst ver­kehrs­gün­stig ge­le­ge­nen Wohn­mo­bil-Stell­platz be­sich­tig­ten wir (nur ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche Kat­zen­wä­sche und ein wie üb­lich am­bu­lant ein­ge­nom­me­nes Früh­stück spä­ter) den Ober­hau­se­ner Ga­so­me­ter. Als in der Tat sehr ein­drucks­voll er­wies sich das In­ne­re des gi­gan­ti­schen Hohl­kör­pers, ins­be­son­de­re aber auch die ak­tu­el­le Aus­stel­lung »Stern­stun­den – Wun­der des Son­nen­sy­stems«, die noch bis zum En­de des lau­fen­den Jah­res be­wun­dert wer­den kann. Die über­gro­ßen Fo­tos, die aus­la­den­den Pla­ne­ten­mo­del­le und ins­be­son­de­re das nach­ge­ra­de rie­si­ge Mond­mo­dell loh­nen ei­nen Ab­ste­cher in die dicke Röh­re al­le­mal!

Aus den Tie­fen des Alls resp. des ehe­ma­li­gen Gas­be­häl­ters wie­der ans Ta­ges­licht zu­rück­ge­kehrt, mach­ten wir in­ter­es­se­hal­ber ei­nen Rund­gang durch das na­he­ge­le­ge­ne Cen­trO, dem laut Ei­gen­wer­bung »größ­ten Shop­ping- und Frei­zeit­zen­trum Eu­ro­pas«. Na ja, es gibt dort wie hier und über­all sonst im We­sent­li­chen die glei­chen Ket­ten­lä­den, ei­ne Freß­ro­tun­de ei­nen Food Court und die heut­zu­ta­ge üb­li­che Shop­ping-Cen­ter-Ar­chi­tek­tur. Der zone­batt­ler ließ sich letzt­lich von der all­ge­mei­nen Kon­sum-Stim­mung um ihn her­um an­stecken und zück­te ver­zückt sei­ne Geld­bör­se... [1]

Über dem Kauf­rausch war es Nach­mit­tag ge­wor­den, dar­um galt es, hur­tig auf die Au­to­bahn zu flit­zen und sich vom sanft säu­seln­den Han­dy in die quir­li­ge In­nen­stadt Düs­sel­dorfs lot­sen zu las­sen. In der dor­ti­gen Kunst­samm­lung NRW (K20 am Grab­beplatz) tra­fen wir uns zu­nächst mit ei­nem uns bis da­to nur vir­tu­ell be­kann­ten Blog­ger-Kol­le­gen zu ei­nem höchst an­re­gen­den Plausch. Dann mee­te­ten & gree­te­ten wir noch ei­ne lie­be (Fast-)Nachbarin aus Fürth, welch­sel­be in wacke­rer, ge­dul­dig er­tra­ge­ner Pend­ler-Exi­stenz in je­nem be­rühm­ten Kunst-Tem­pel ihr werk­täg­li­ches Ein- und Aus­kom­men fin­det...

In­des wa­ren wir ja nicht nur zum Schä­kern und sich Be­schnup­pern nach Düs­sel­dorf ge­kom­men, nein, es war­te­te am Abend ein re­spek­ta­bler Kunst­ma­ra­thon auf uns in Form der vie­len zeit­gleich statt­fin­den­den Ver­nis­sa­gen zur Qua­dri­en­na­le 2010! Wir guck­ten und scho­ben uns bis spät in die mil­de Nacht durch die frisch er­öff­ne­ten Aus­stel­lun­gen »Jo­seph Beu­ys. Par­al­lel­pro­zes­se« (K20), »Nam Ju­ne Pa­ik« (mu­se­um kunst pa­last) und »Der Ro­te Bul­li. Ste­phen Shore und die Neue Düs­sel­dor­fer Fo­to­gra­fie« (NRW-Fo­rum), bis wir dann end­lich er­mat­tet quer durch die Stadt (er­neut vom Han­dy si­cher ge­lei­tet) in Rich­tung Aus­stel­lung Nr. 4 (K21 Stän­de­haus) tapp­ten, wo­selbst die eben­so ab­seits wie ko­sten­frei ge­park­te Renn­gur­ke un­se­rer harr­te. Schön war die Kunst, schön war die Nacht, schön zeig­te sich auch die bunt il­lu­mi­nier­te Sky­line des Dor­fes an der Düs­sel:

Düsseldorf bei Nacht

Erst nach Mit­ter­nacht lie­fen wir wie­der in Ober­hau­sen ein, wo wir di­rekt am Fu­ße des Ga­so­me­ters ei­ne Wa­gen­burg bil­de­ten und uns zur (dies­mal ge­büh­ren­frei­en) Ru­he nie­der­leg­ten...

Am Tag Nr. 8 un­se­rer Ex­pe­di­ti­on wa­ren wir schon lan­ge vor der er­neu­ten Öff­nung des dicken Wahr­zei­chens von Ober­hau­sen wie­der wach und rei­se­be­reit. Wir tucker­ten los in Rich­tung Es­sen, wo­selbst wir schon wie­der ei­ne Ver­ab­re­dung hat­ten: Am Ran­de der welt­be­rühm­ten Ze­che Zoll­ver­ein woll­ten wir uns mit ei­nem mei­ner flei­ßi­gen Home­page-Zu­trä­ger tref­fen, der uns – als Ein­hei­mi­scher be­stens orts- und kul­tur­kun­dig – die um­fang­rei­chen Ein­rich­tun­gen der rie­si­gen still­ge­leg­ten An­la­ge zei­gen und er­läu­tern woll­te. Es wur­de ein lan­ger, lehr­rei­cher und bun­ter Tag...

Förderturm der Zeche Zollverein
 
Detail der Kokerei
 
abgesperrtes Werksgebäude

In sei­nem Hang zum Skur­ri­len und Bi­zar­ren fiel dem zone­batt­ler so man­ches De­tail auf. Un­ter an­de­rem kam ihm die­ser höchst ei­gen­ar­ti­ge Mast­schmuck vor die Lin­se:

mustergültiges Exempel von Strickgraffiti

Zu­nächst konn­ten wir uns kei­nen Reim auf je­nes eben­so ge­lun­ge­ne wie selt­sa­me Woll-Ob­jekt ma­chen. Ein Blick auf den an­ge­knüpf­ten Bei­pack­zet­tel klär­te uns je­doch schnell auf: »Strick­graf­fi­ti soll den öf­fent­li­chen Raum et­was bun­ter ma­chen und be­schä­digt nichts.« Wenn das kein Bei­spiel für vor­bild­haft bür­ger­li­ches En­ga­ge­ment ist!

Nach­dem wir uns am spä­ten Nach­mit­tag von un­se­rem mul­ti­ta­len­tier­ten Füh­rer-Freund ver­ab­schie­det hat­ten, fuh­ren wir wei­ter in Rich­tung Sü­den, nah­men un­ter­wegs Be­triebs­stof­fe für Mensch und Ma­schi­ne auf und be­gan­nen mit der Su­che nach ei­nem Plätz­chen für die Nacht. Dies ge­stal­te­te sich dies­mal als un­er­war­tet schwie­rig, es woll­te sich par­tout kein ge­eig­ne­ter Ort er­spä­hen las­sen. Nach lan­ger Odys­see – es war in­zwi­schen schon dun­kel ge­wor­den – be­zo­gen wir end­lich pro­vi­so­risch Po­sten auf ei­nem Be­su­cher-Park­platz am Nord­ost-Ufer des Bal­de­ney­se­es.

Was sich letzt­lich als gu­te Wahl ent­pupp­te: Im Grun­de soll­te man sich in Bal­lungs­räu­men oh­ne­hin von der Idee ver­ab­schie­den, ei­nen Schlaf­platz »im Grü­nen« aus­fin­dig ma­chen zu kön­nen. Mit­ten drin im ur­ba­nen Ge­tüm­mel fin­den sich noch am ehe­sten leid­lich ab­ge­le­ge­ne Ecken an Fried­hö­fen, Su­per­märk­ten oder Fa­bri­ken, wo sich des Nachts kaum ein Mensch hin­ver­irrt. Und wenn doch mal ei­ner sei­nen Vier­bei­ner Gas­si führt, dann gucken bei­de meist dis­kret zu Sei­te. So je­den­falls un­se­re Er­fah­rung; die ech­ten Schur­ken schla­gen am helll­lich­ten Ta­ge zu...

Der neun­te Tag un­se­rer Rei­se war er­stens ein Sonn­tag und mach­te zwei­tens sei­nem Na­men we­nig Eh­re: Es reg­ne­te mehr oder we­ni­ger fast den gan­zen Tag über. Das scher­te (schor?) uns frei­lich we­nig, denn wir hat­ten oh­ne­hin ein eher in­häu­si­ges Be­sich­ti­gungs­pro­gramm zu ab­sol­vie­ren. Die er­ste Sta­ti­on (die uns schon fast ei­nen hal­ben Tag ko­ste­te) war die ober­halb des Bal­de­ney­se­es thro­nen­de Vil­la Hü­gel, die bis 1945 das re­prä­sen­ta­ti­ve Re­fu­gi­um der In­du­stri­el­len-Fa­mi­lie Krupp ge­we­sen war:

fauchender Löwe aus Stein, die Villa Hügel bewachend

Die in der Vil­la ge­zeig­te Dau­er­aus­stel­lung zur Ge­schich­te von Fa­mi­lie und Fa­brik wür­digt ei­ner­seits die gro­ßen tech­ni­schen Lei­stun­gen des von der klei­nen Klit­sche zum Welt­kon­zern ge­wach­se­nen Un­ter­neh­mens, do­ku­men­tiert aber auch die schick­sal­haf­te Ver­strickung mit dem NS-Re­gime, das oh­ne den »Krupp­stahl« schwer­lich hät­te Krieg füh­ren kön­nen...

Nach Ver­ab­fol­gung die­ser üp­pi­gen Do­sis Zeit­ge­schich­te mach­ten wir uns wie­der auf in Rich­tung In­nen­stadt, um die zwei­te Ta­ges­hälf­te im Mu­se­um Folk­wang zu ver­brin­gen. Da­nach wa­ren wir platt bzw. voll, aber es reich­te doch noch für ei­ne schnel­le Um­run­dung des Aal­to-Thea­ters zu Fuß, um nach der be­reits im April er­folg­ten Be­sich­ti­gung des Wolfs­bur­ger Kul­tur­hau­ses je­nem Bau ein zwei­tes Werk des fin­ni­schen Ar­chi­tek­ten ver­gleichs­hal­ber hin­zu­zu­ge­sel­len. Und weil sich der Marsch an der fri­schen Luft als be­le­bend er­wies, ha­ben wir dann auch noch ‑zu­min­dest von au­ßen – die präch­ti­ge Al­te Syn­ago­ge in­spi­ziert.

Nach so viel Es­sen für die Au­gen war die Zeit zum Es­sen für den Ma­gen ge­kom­men, welch­sel­bi­ges wir wie­der an den Ge­sta­den des Bal­de­ney­se­es ein­nah­men, an sei­nem nord­west­li­chen Zip­fel un­ter­halb der Vil­la Hü­gel. Mit ei­nem nächt­li­chen Spa­zier­gang (es reg­ne­te mitt­ler­wei­le nicht mehr) zum in der Fer­ne er­ahn­ten Stau­wehr run­de­te sich der Tag: Drei Vier­tel der Rei­se ins Un­be­kann­te konn­ten nun­mehr als er­folg­reich ab­sol­viert gel­ten. Zum letz­ten Vier­tel bre­chen wir in der näch­sten Fol­ge auf!

 
[1] Aus­ga­ben­rech­nung: EUR 2,40 (Piz­za­stück) + EUR 0,40 (Klo­frau) = EUR 2,80 To­tal

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Sonntag, 10. Oktober 2010

Pau­sen­fül­ler

Der ge­neig­ten Le­ser­schaft wird nicht ent­gan­gen sein, daß ich mich der­zeit um die ord­nungs­ge­mä­ße und (über)fällige Fort­set­zung der ak­tu­el­len Rei­se­be­richt­erstat­tung wei­ter­hin zu drücken schei­ne. Das liegt dar­an, daß ich die­ser Ta­ge wie ein Ber­ser­ker hier, da und dort mei­ne an­de­ren vir­tu­el­len Äcker be­stellt ha­be und zwi­schen­drin im ana­lo­gen Le­ben des gol­de­nen Herb­stes üp­pi­ger Fül­le teil­haf­tig zu wer­den such­te. Ich wer­de der selbst­auf­er­leg­ten Chro­ni­sten­pflicht in Kür­ze nach­kom­men, über­le­ge mir frei­lich, ob ich mir beim näch­sten Mal nicht ein­fach die Gnu’sche At­ti­tü­de zu ei­gen ma­chen und nur noch Bil­der zei­gen soll­te...

Sonntag, 3. Oktober 2010

Rei­se ins Re­vier (2)

Der vier­te Tag un­se­rer Rei­se be­gann mit Nie­sel­re­gen, was uns je­doch we­nig aus­mach­te, hat­ten wir doch als er­sten Pro­gramm­punkt oh­ne­hin den Be­such des Deut­schen Berg­bau­mu­se­ums in Bo­chum vor­ge­se­hen. Das weit­läu­fi­ge Mu­se­um gilt als ei­nes der be­deu­tend­sten sei­ner Art und ist in ei­nem hal­ben Tag nicht an­nä­hernd ge­wür­digt. Den­noch konn­ten wir recht viel ler­nen über Ge­schich­te und Tech­nik des Berg­baus, über des­sen Ei­gen­ar­ten wir na­tür­lich prin­zi­pi­ell schon vor­her ei­ni­ger­ma­ßen Be­scheid wuß­ten, des­sen fas­zi­nie­ren­de De­tails uns aber noch nicht so ge­läu­fig wa­ren. Schier un­glaub­lich er­schien es uns, was beim Un­ter­ta­ge­ab­bau so al­les an Ge­rät und Ma­te­ri­al in die Gru­be ver­bracht wer­den muß, be­vor man dem Erd­in­ne­ren über­haupt et­was abgtrot­zen kann. Nicht we­ni­ger ver­blüf­fend ist frei­lich, was nach Aus­beu­tung der Koh­le­flö­ze al­les un­ten bleibt, wenn die Gru­be end­gül­tig ge­schlos­sen wird...

Nach die­sem Aus­flug in die In­du­strie­ge­schich­te tucker­ten wir wei­ter an den Stadt­rand zur Ruhr-Uni­ver­si­tät, um de­ren be­rühm­te Kunst­samm­lun­gen zu in­spi­zie­ren. Der be­ton­la­sti­ge Cam­pus er­in­ner­te den zone­batt­ler stark an die Tech­ni­sche Fa­kul­tät der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät zu Er­lan­gen, wo­selbst er vor drei De­ka­den eher halb­her­zig ein In­ge­nieur­stu­di­um an­ge­fan­gen (und sehr bald wie­der be­en­det) hat­te:

auf dem Campus der Ruhr-Universität in Bochum

Mar­mor, Stein und Be­ton bricht, aber das hat ja letzt­lich auch sei­ne ei­ge­ne Äs­the­tik und vi­su­el­len Charme...

Ein Bum­mel durch die In­nen­stadt (nebst Ge­nuß je ei­nes Ei­ses) run­de­te den Tag. Wir fuh­ren am Abend in süd­öst­li­cher Rich­tung wei­ter und fan­den schließ­lich am hin­te­ren Zip­fel des Park­plat­zes ei­nes Sport­ge­län­des bei Wit­ten ei­nen an­nehm­ba­ren Platz für das am­bu­lan­te Nacht­quar­tier.

Am Mor­gen des fünf­ten Ta­ges roll­ten wir ziel­stre­big zu­rück nach Bo­chum: Des zonebattler’s bes­se­re Hälf­te woll­te un­be­dingt die Me­di­zin­hi­sto­ri­sche Samm­lung der Uni­ver­si­tät be­sich­ti­gen, wel­che in ei­nem pit­to­res­ken al­ten Mala­koff­turm sehr stil­voll un­ter­ge­bracht ist. Wir ver­brach­ten meh­re­re un­ge­stör­te Stun­den lang in der recht in­for­ma­ti­ven Aus­stel­lung. Lei­der wa­ren ei­ni­ge in­ter­ak­ti­ve Ex­po­na­te de­fekt und nicht zu be­nut­zen, wie so oft hat das Geld einst nur für die Ein­rich­tung, nicht aber für die lau­fen­de Un­ter­hal­tung und Pfle­ge ge­reicht... Als un­ver­hoff­ter Hö­he­punkt der Vi­si­te er­wies sich die ei­gent­lich schon rum­me, aber noch nicht ab­ge­bau­te Son­der­aus­stel­lung »Ge­lenk­te Blicke« über Ras­sen­hy­gie­ni­sche Pro­pa­gan­da und Po­li­tik im Kon­text des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Ei­ne vor­treff­li­che Do­ku­men­ta­ti­on und Ana­ly­se der per­fi­den NS-Pro­pa­gan­da mit ih­rem kru­den Mix aus ech­ten bio­lo­gi­schen Er­kennt­nis­sen und pseu­do­wis­sen­schaft­li­chem Ras­sen­wahn-Ge­schwur­bel...

Ein rei­ni­gen­der Be­such im Bo­chu­mer Stadt­bad mach­te uns an­schlie­ßend wie­der auf­nah­me­fä­hig für die künst­le­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen, die wir in dem spek­ta­ku­lä­ren Ge­bäu­de­en­sem­ble Si­tua­ti­on Kunst (für Max Im­dahl) such­ten und fan­den. Wir ris­sen mit un­se­rem zag­haf­ten Ge­klin­gel ei­ne an­ge­hen­de Kunst­ge­schicht­le­rin aus ih­ren Stu­di­en und wur­den von ihr ein­ge­las­sen in ei­ne En­kla­ve der Kon­tem­pla­ti­on:

Das Hauptgebäude von 'Situation Kunst (für Max Imdahl)' in Bochum

Teils un­ter fach­kun­di­ger Füh­rung der dienst­tu­en­den Stu­den­tin hat­ten wir nun Ge­le­gen­heit, die aus­ge­stell­ten Wer­ke und den si­tua­ti­ven Kon­text auf uns wir­ken zu las­sen. Sehr eli­tär, da wir auch hier wie­der ein­mal die ein­zi­gen Be­su­cher wa­ren! Wer im­mer sich für zeit­ge­nös­si­sche Kunst in­ter­es­siert und in der Nä­he ist, soll­te die Ge­le­gen­heit zu ei­nem Be­such dort nicht ver­säu­men!

Im be­nach­bar­ten Park fü­gen sich al­ler­lei Skulp­tu­ren in die Um­ge­bung ein und spie­len mit der Wahr­neh­mung duch den Be­trach­ter, wie bei­spiels­wei­se die­ser necki­sche Knick in der Op­tik hier:

Skulptur in der Natur

Wie­der zu­rück in der In­nen­stadt gönn­ten wir uns noch ei­nen aus­gie­bi­gen Rund­gang durch das Mu­se­um Bo­chum, gleich­falls mit Schwer­punkt auf mo­der­ner Kunst. Wie er­staunt wa­ren wir doch, der­glei­chen in die­ser Men­ge und Gü­te mit­ten im ehe­ma­li­gen Koh­len­pott zu fin­den! Was wir hin­ge­gen lei­der nicht fan­den, war ein ver­trau­ens­er­wecken­des Plätz­chen für die Nacht. Über­dies wur­de es rasch dun­kel, al­so fuh­ren wir kur­zer­hand Rich­tung Wit­ten, um ei­ne wei­te­re Nacht ne­ben dem uns schon be­kann­ten Sport­platz zu ver­brin­gen...

Dort­selbst bra­chen wir am sech­sten Tag un­se­rer Rei­se am frü­hen Mor­gen auf und hiel­ten ein­mal mehr auf Bo­chum zu. Nach­dem wir dort die Jahr­hun­dert­hal­le um­lau­fen und aus­gie­big in­spi­ziert hat­ten, zog es uns wei­ter in Rich­tung Bot­trop, wo un­se­re näch­ste De­sti­na­ti­on auf uns war­te­te, das Mu­se­um Qua­drat. Wäh­rend in ei­nem der räum­lich ver­bun­de­nen Ge­bäu­de­tei­le die Wer­ke des Bot­tro­per Künst­lers Jo­sef Al­bers ge­zeigt wer­den, gibt es auf der an­de­ren Sei­te Hei­mat­kund­li­ches zu se­hen, flan­kiert von ei­ner ei­ge­nen Samm­lung der Ur- und Früh­ge­schich­te. Rechts ab­strak­te Kunst, links sehr kon­kre­te Mam­mut­ske­let­te. Ei­ne ei­gen­ar­ti­ge, wenn­gleich durch­aus reiz­vol­le Mi­schung. Wo­hin­ge­gen sich gi­gan­ti­sche Am­mo­ni­ten und an­de­re Fos­si­li­en über vie­le Mil­lio­nen Jah­re er­hal­ten ha­ben, ist der eher zeit­ge­nös­si­sche Mu­se­ums­bau lei­der schon nach we­ni­gen Jahr­zehn­ten ma­ro­de ge­wor­den: Der pflicht­be­wuß­te zone­batt­ler mel­de­te dem Wach­per­so­nal ein ste­tes Trop­fen von der Decke, di­rekt zu Fü­ßen ei­nes dar­ob un­ge­rührt schei­nen­den Mam­muts. Tja, Flach­dä­cher halt, ein Irr­weg der bau­tech­ni­schen Evo­lu­ti­on...

Mehr ha­ben wir von Bot­trop dies­mal nicht ge­se­hen, schon ging es wei­ter ins na­he Ober­hau­sen. Dort er­war­ben wir Kom­bi­tickets für die ak­tu­el­le Aus­stel­lung im weit­hin sicht­ba­ren Ga­so­me­ter so­wie für die Lud­wig­ga­le­rie Schloss Ober­hau­sen. Die Zeit reich­te in­des nur noch für die Be­sich­ti­gung der Ga­le­rie mit der sehr ori­gi­nel­len Aus­stel­lung »Zu[m] Tisch!«. [1]

Da wir dann ganz zu­fäl­lig gleich ne­ben­an ei­nen gut aus­ge­schil­der­ten, gleich­wohl kaum be­leg­ten Wohn­mo­bil-Park­platz fan­den, war die Su­che nach ei­nem Platz für die Nacht dies­mal schon be­en­det, kaum daß sie recht be­gon­nen hat­te. Es blieb al­so noch Zeit für ei­nen Ab­ste­cher zur na­hen Sied­lung Ei­sen­heim, ei­ne der äl­te­sten kom­plett er­hal­te­nen Ar­bei­ter­sied­lun­gen Deutsch­lands. Er­staun­lich, wie schon vor über hun­dert Jah­ren qua­li­täts­voll ge­baut wer­den konn­te: Vier völ­lig ge­trenn­te Woh­nun­gen in ei­nem Haus (se­pa­ra­te Ein­gän­ge in­klu­si­ve) sorg­ten für mi­ni­mier­te Bau­ko­sten und für den so­zia­len Frie­den gleich mit! Heut­zu­ta­ge wer­den al­ler­or­ten für teu­er Geld rei­hen­wei­se mi­ni­mier­te Bür­ger­kä­fi­ge mit ma­xi­mier­ter Rei­bungs­flä­che zum Nach­barn er­rich­tet, aber ich will das heu­te nicht schon wie­der the­ma­ti­sie­ren...

Die Ge­schich­te der Sied­lung Ei­sen­heim ist auf vie­len in­for­ma­ti­ven Text­ta­feln vor Ort nach­zu­le­sen. Kaum zu glau­ben, daß ei­ne un­hei­li­ge Al­li­anz aus Ei­gen­tü­mer, Po­li­tik und Ge­werk­schaf­ten seit den 1960ern den To­tal­ab­riß des (in bau­li­cher wie von der So­zi­al­struk­tur her) völ­lig in­tak­ten Vier­tels ge­gen den er­klär­ten Wil­len der Be­woh­ner durch­set­zen woll­te. Wir la­sen wei­ter und wei­ter, von den da­ma­li­gen Bür­ger­ini­ta­ti­ven und de­ren teils pro­mi­nen­ten Ak­ti­vi­sten hat­ten wir bis­lang nie ge­hört. Na gut, wir wa­ren da­mals noch zu jung und zu we­nig po­li­tisch im Den­ken. Im­mer­hin, die Sa­che ging gut aus: Was da­mals zu Auf­ruhr im Re­vier führ­te wie heu­te der Streit um Stutt­gart 21, liegt heu­te ru­hig und be­schau­lich vor den Au­gen des Be­trach­ters:

kleinbürgerlicher Blumenschmuck in der Siedlung Eisenheim

Ob sich die heu­ti­gen Be­woh­ner über die hi­sto­ri­sche Be­deu­tung ih­res Vier­tels im Kla­ren sind, ob sie sich über­haupt dar­um sche­ren? Man weiß es nicht, aber es wä­re we­nig ver­wun­der­lich, wenn die jun­ge (Multikulti-)Generation für die Vor­ge­schich­te ih­rer en­ge­ren Hei­mat al­len­falls ein Ach­sel­zucken üb­rig hät­te...

So, es wur­de du­ster, es ging auf La­den­schluß zu, drum noch schnell im näch­sten La­den Milch und Kä­se ge­holt und sich auf den durch ho­he Hecken in­ti­mi­sier­ten Wohn­mo­bil-Stell­platz in ei­ne Ecke ver­zo­gen. Daß der Platz un­weit der Bahn lag, war uns zwar be­reits auf­ge­fal­len, daß der Gü­ter­ver­kehr dort na­he am theo­re­ti­schen Aus­la­stungs­li­mit lie­gen muß­te, be­merk­ten wir erst im Lau­fe der Nacht. Na ja, ir­gend­was ist im­mer, und so­lan­ge die Rä­der so rol­len wie dort, muß sich der zone­batt­ler ver­mut­lich kei­ne Sor­gen um die Si­cher­heit sei­nes Ar­beits­plat­zes ma­chen.

Fort­set­zung folgt!

 
[1] Wer Fo­tos aus den ge­nann­ten Mu­se­en ver­mißt, fin­det die­se sämt­lich hier!

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Dienstag, 28. September 2010

Rei­se ins Re­vier (1)

Nach­dem der zone­batt­ler und sei­ne bes­se­re Hälf­te im Früh­jahr reich­lich Ge­le­gen­heit zur Kör­per­er­tüch­ti­gung ge­habt hat­ten, soll­te die all­fäl­li­ge Spät­som­mer-Ex­kur­si­on der Ab­wechs­lung hal­ber doch eher dem Trai­ning von Geist und Hirn­schmalz die­nen. Au­ßer­dem war längst wie­der ei­ne Cam­ping­rei­se mit der Renn­gur­ke fäl­lig, um sich ei­ne Wei­le in De­mut und Be­schei­den­heit und nach Art der U‑­Boot-Fah­rer in ei­nem nach­ge­ra­de as­ke­ti­schen Le­bens­stil zu üben. Al­so ward be­schlos­sen (wenn auch nicht groß ver­kün­det), die wei­te Fahrt ins Ruhr­ge­biet an­zu­tre­ten: Deutsch­lands größ­ter Bal­lungs­raum war­tet mit reich­lich in­du­strie­ge­schicht­li­chen Se­hens­wür­dig­kei­ten und be­deu­ten­den Kunst­mu­se­en auf, die den Ti­tel der Kul­tur­haupt­stadt Eu­ro­pas 2010 als al­le­mal ge­recht­fer­tigt er­schei­nen las­sen. Wie üb­lich war der klei­ne GPS-Tracker mit von der Par­tie, was mir nun die nach­träg­li­che Vi­sua­li­sie­rung der zu­rück­ge­leg­ten Rou­te auf der Land­kar­te er­mög­licht:

Reiseroute auf der Landkarte
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Groß­fas­sung 1070 x 680 Pi­xel

Wir star­te­ten in Fürth am Mor­gen des er­sten Sep­tem­ber-Sams­tags und tra­fen nach et­wa fünf Stun­den weit­ge­hend er­eig­nis­lo­ser Marsch­fahrt [1] im schö­nen Soest ein, wo­selbst wir Freun­de mit Haus, Gar­ten und Hund be­such­ten und uns übers Wo­chen­en­de bei ih­nen ein­ni­ste­ten. Am Mon­tag Mor­gen ging es dann früh­zei­tig wei­ter und das ei­gent­li­che Aben­teu­er los... [2]

Er­ste Hal­te­sta­ti­on war das nord­öst­li­che Ufer des Heng­stey­se­es, von wo aus wir zur na­hen, aber hoch­ge­le­ge­nen Sy­burg wan­der­ten. Gleich ne­ben­an guckt Wil­helm I. über das wei­te Land und hat sich über die Jah­re grün ge­är­gert über sei­ne ihn mitt­ler­wei­le weit­ge­hend igno­rie­ren­den Un­ter­ta­nen:

Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Syberg

Viel­leicht ist er aber auch im­mer noch ver­stimmt über den plum­pen Ge­schmack der brau­nen Kul­tur­ver­we­ser, die sei­nen wei­land grün­der­zeit­li­chen Schnör­kel­gar­ten in den 1930ern zu ei­nem kalt-ab­wei­sen­den Mo­nu­men­tal­kon­strukt ver­hunz­ten...

Wie­der un­ten an­ge­langt, fand sich nach dem am­bu­lan­ten Mit­tags­mahl zwi­schen den nah­ge­le­ge­nen Sied­lun­gen Heng­stey und Ba­they end­lich das lan­ge­such­te und ‑er­sehn­te Spät­som­mer­mo­tiv für ein jah­res­zeit­lich pas­sen­des Desk­top-Hin­ter­grund­bild:

Essenz des Spätsommers

We­ni­ge Mi­nu­ten und Strecken­ki­lo­me­ter spä­ter ge­lang­ten wir in die In­nen­stadt von Ha­gen, wel­che wir per pe­des und sehr aus­führ­lich in­spi­zier­ten. Hier wie spä­ter an­dern­orts in den Städ­ten des Ruhr­e­ge­biets fiel uns auf, daß dort rich­ti­ge Ita­lie­ner mit Be­rufs­eh­re im Lei­be her­vor­ra­gen­des Spei­se­eis zu­be­rei­ten und zu fai­ren Prei­sen feil­bei­ten: 80 Cent pro üp­pig be­mes­se­ner Ku­gel in ei­ner knusp­ri­gen Waf­fel und da­zu noch oh­ne künst­li­che Aro­men, das ist in Nürn­berg und Um­ge­bung bei­lei­be kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr! Wo­mög­lich han­delt es sich da­bei um ei­ne ku­li­na­ri­sche Spät­fol­ge der Gast­ar­bei­ter-Schwem­me in den In­du­strie­zen­tren zu Zei­ten des Wirt­schafts­wun­ders?

Wei­ter ging der Weg über das er­staun­lich be­schau­li­che Land bis nach Hat­tin­gen, des­sen viel­ge­rühm­te Alt­stadt aus Fach­werk­häu­sern uns eben­falls ei­ne aus­gie­bi­ge Er­kun­dung zu Fuß wert war. In der Tat hät­ten wir nicht er­war­tet, dort oben in Deutsch­lands wei­land stark in­du­stria­li­sier­tem We­sten so viel pit­to­res­kes Fach­werk an­zu­tref­fen. Die­ses zeigt sich zwar eher streng und we­ni­ger ver­spielt als die frän­ki­sche Bau­wei­se, weiß aber trotz­dem sehr zu ge­fal­len. Nicht we­ni­ger ori­gi­nell sind üb­ri­gens die ört­li­chen Ein­zel­han­dels­ge­schäf­te, in de­nen man ne­ben al­ler­lei Tin­nef bei­spiels­wei­se mo­di­sche Tarn­an­zü­ge für sei­ne Vier­bei­ner er­wer­ben kann:

ein fesches Regencape für Waldi

Auch sonst gibt es al­ler­lei Ei­gen­wil­li­ges zu se­hen in der wirk­lich put­zi­gen Hat­tin­ger Alt­stadt. Das fin­den frei­lich nicht al­le lu­stig, manch ei­ner wen­det sich so­gar pein­lich be­rührt und mit Grau­sen ab:

lebensgroße Kinderfiguren beim neckischen Spiel

Ei­ne Se­kun­de lang ha­be ich die bei­den Gno­me tat­säch­lich für echt ge­hal­ten...

Der Abend nah­te. Wir ver­sorg­ten uns noch mit ein paar Le­bens­mit­teln (ins­be­son­de­re kühl­be­dürf­ti­gen sol­chen wie Milch und Kä­se, die die Nacht über ne­ben dem Au­to aus­har­ren und aus­hal­ten müs­sen) und be­gan­nen im Um­land mit der Su­che nach ei­nem Stell­platz für die Nacht. Nach ei­ni­gen Irr­we­gen [3] be­zo­gen wir schließ­lich auf ei­nem gro­ßen Platz hin­ter ei­ner Groß­gärt­ne­rei und vor der Ein­fahrt zu ei­ner gro­ßen Bio­gas-An­la­ge Po­sten. Sehr an­ge­nehm, da ru­hig und mit asphal­tier­tem Un­ter­grund, ein ra­res Kom­fort­merk­mal auf un­se­ren mo­to­ri­sier­ten Ex­kur­sio­nen. Mit rou­ti­ner­ten Hand­grif­fen wur­den als­bald die Kla­mot­ten­ta­schen, die Kü­chen- und die Wasch­ki­ste nach vor­ne in das Cock­pit ver­frach­tet und der hin­te­re Teil des treu­en Mi­ni­bus­ses da­mit zum Wohn- und Schlaf­zim­mer um­ge­wid­met. [4] Der ein­set­zen­de Re­gen mach­te das Hau­sen in der be­schüt­zen­den Ei­er­scha­le aus Glas und Blech so rich­tig ge­müt­lich...

So­viel zu den er­sten drei Ta­gen der Rei­se, von de­nen ja recht ei­gent­lich nur ei­ner ei­ne Ex­pe­di­ti­on ins Un­be­kann­te war. In der näch­sten Fol­ge wird es dann schon mehr zu be­rich­ten ge­ben!

 
[1] von der ob­li­ga­to­ri­schen Ent­wäs­se­rungs­pau­se mal ab­ge­se­hen...

[2] Be­waff­net wa­ren wir üb­ri­gens mit dem dicken und fast schon zu um­fang­rei­chen »Ruhr­Kom­pakt« Rei­se- bzw. »Er­leb­nis­füh­rer«. Die te­le­fon­buch­dicke Schwar­te ist zu schwer zur Mit­nah­me auf Wan­de­run­gen und Spa­zier­gän­ge, aber sie ist auch über­aus in­for­ma­tiv, the­ma­tisch sehr um­fas­send und noch da­zu bil­li­ger als die mei­sten Kon­kur­renz­pro­duk­te.

[3] Man braucht bei un­se­rer Art des im­pro­vi­sier­ten Her­um­zi­geu­nerns re­gel­mä­ßig ein paar Ta­ge Übung, bis man wie­der ein Ge­spür und ei­nen Blick für gut ge­eig­ne­te Über­nach­tungs­plät­ze in der frei­en Wild­bahn be­kommt...

[4] Wie im­mer hat­ten wir un­ten Iso­mat­ten und Woll­decken auf die bei­den um­ge­klapp­ten Rück­bän­ke ge­legt und an­son­sten die re­gu­lä­ren Fe­der­bet­ten von da­heim mit­ge­nom­men. Im ei­ge­nen Bett schläft es sich ja be­kannt­lich al­le­mal am be­sten!

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Donnerstag, 16. September 2010

Die Hei­mat hat uns wie­der

Ge­stern Nacht ist der zone­batt­ler aus sei­nem zwei­ten Jah­res­ur­laub re­tour­niert. War der er­ste schon exo­tisch ge­nug, so führ­te ihn der jüng­ste in noch un­be­kann­te­re Re­gio­nen. Wie üb­lich wird es hier in der Ru­brik Ex­pe­di­tio­nen dem­nächst ei­ne klei­ne Rei­se-Re­pri­se ge­ben. Vor­her aber wol­len Sa­chen ver­staut, Kla­mot­ten ge­wa­schen, Mails und Kom­men­ta­re be­ant­wor­tet, meh­re­re Neu­zu­gän­ge auf der zwei­ten Bau­stel­le re­di­giert, Pil­ze ge­sam­melt und ei­ne Ver­nis­sa­ge be­sucht wer­den. Ich bit­te da­her noch um et­was Ge­duld...

Samstag, 26. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (10)

Nach schier end­los er­schei­nen­der Kur­ve­rei über stei­le Ser­pen­ti­nen er­reicht man end­lich die höch­ste Er­he­bung La Pal­mas, den Ro­que de los Mucha­chos im Nor­den der In­sel. Der Pan­ora­ma­blick, der sich dort oben in gut 2.400 Me­tern Hö­he dem wacke­ren Wan­de­rer eben­so wie dem fuß­fau­len Au­to­mo­bi­li­sten bie­tet, ist nichts we­ni­ger als atem­be­rau­bend spek­ta­ku­lär! Wer bei­zei­ten auf­ge­bro­chen und noch vor der Mit­tags­stun­de vor Ort ist, kann zu­se­hen, wie die wei­ße Wol­ken-Wat­te über den öst­li­chen Kes­sel­rand der Cal­de­ra schwappt und den ge­wal­ti­gen Topf nach und nach füllt, bis man nur noch den äu­ße­ren Grat aus der wäs­se­ri­gen Sup­pe ra­gen sieht! Hoch über den glei­ßend wei­ßen Wol­ken ra­gen die vie­len Kup­peln des Ob­ser­va­to­ri­ums aus dem kar­gen Vul­kan­ge­stein und ge­ben ei­nem das Ge­fühl, den un­end­li­chen Wei­ten des Uni­ver­sums so na­he zu sein wie kaum je zu­vor:

Kuppel einer Sternwarte höchsten Punkt La Palmas

Man kann sich schwer lö­sen von dem fas­zi­nie­ren­den Wech­sel­spiel zwi­schen Wand und Wol­ke: schroff die Gra­te, weich das Wa­bern der Was­ser­tröpf­chen, ein An­blick, den man wahr­lich nicht oft ge­bo­ten be­kommt. Er­staun­lich, daß man die Er­ha­ben­heit des ge­ni­us lo­ci den­noch nicht mit all­zu­vie­len an­de­ren Tou­ri­sten tei­len muß, selbst da oben trifft man auf sei­nes­glei­chen nur in ho­möo­pa­ti­scher (und da­mit ver­träg­li­cher) Ver­dün­nung...

Spiel der wabernden Wolken am Roque de los Muchachos

Auch viel wei­ter un­ten ist das ei­gen­ar­ti­ge (und nach­ge­ra­de ein­ma­li­ge) Spiel der Wet­ter­kräf­te wun­der­bar zu be­ob­ach­ten: Im­mer wie­der sa­hen wir die wei­ße Wol­ken­wal­ze über die Cumbre wup­pen, wo sie sich aber durch die En­er­gie des Son­nen­lich­tes ge­nau­so schnell in Wohl­ge­fal­len auf­löst, wie von hin­ten neu­er Was­ser­dampf nach­ge­scho­ben wird. Was für ein Schau­spiel!

Blick vom Westen über die aus dem Osten herübergedrückte Wolkenwalze

Nicht min­der fas­zi­nie­rend wa­ren die abend­li­chen Son­nen­un­ter­gän­ge, die wir fast je­den Abend von der Ter­ras­se un­se­rer Ca­sa aus ge­gen 20:50 Uhr Orts­zeit ge­nie­ßen konn­ten: Auch da sorg­ten kon­den­sier­te Was­ser­tröpf­chen (vul­go: Wol­ken) für ein vi­su­el­les Sin­nes­spek­ta­kel, in dem sie die ho­ri­zon­ta­le Grenz­li­nie zwi­schen Him­mel und Oze­an auf­ho­ben zu ei­ner fein aqua­rel­lier­ten Farb­ver­laufs­stu­die er­lö­schen­den Lich­tes:

Sonnenuntergang, gesehen von La Laguna aus

Aber wie der Mensch so ist, er ge­wöhnt sich rasch auch an das Au­ßer­ge­wöhn­li­che: Ir­gend­wann guckt man dann nur noch flüch­tig hin, es ist ja eh fast je­den Abend das glei­che Feu­er­werk zu se­hen...

Wo­mit wir am En­de un­se­rer dies­jäh­ri­gen Ex­pe­di­ti­ons-Be­richt­erstat­tung an­ge­kom­men wä­ren. Der zone­batt­ler (der da­für tat­säch­lich län­ger ge­braucht hat als für die Rei­se selbst) ge­steht frei­mü­tig, die Se­rie oh­ne rech­tes Kon­zept an­ge­gan­gen zu sein in der Hoff­nung, daß sich das knap­pe hal­be Hun­dert zum Vor­zei­gen aus­ge­wähl­ter Fo­tos schon ir­gend­wie zu ei­ner halb­wegs in­ter­es­san­ten Ge­schich­te zu­sam­men­fä­deln las­sen wür­de. Ob das nun aus der Sicht der ge­schätz­ten Le­ser­schaft ge­klappt hat und zu­dem ei­ni­ger­ma­ßen in­ter­es­sant und le­sens­wert ist, ver­mag er al­len­falls zu hof­fen; für das Be­wah­ren des Er­leb­ten in der ei­ge­nen Er­in­ne­rung ge­nügt ihm das Er­geb­nis al­le­mal.

Schlie­ßen möch­te ich mit ei­nem emp­feh­len­den Hin­weis auf die pri­va­te Web­site La Pal­ma Ak­tu­ell. Die »täg­lich fri­schen Nach­rich­ten von ei­ner klei­nen grü­nen In­sel im At­lan­tik« tau­gen nicht nur zur Ur­laubs­vor­be­rei­tung, son­dern bie­ten ei­ne Fül­le von ak­tu­el­len und fun­dier­ten In­si­der­infor­ma­tio­nen für al­le, die sich mit ih­rem Rei­se­ziel (oder gar dem ins Au­ge ge­faß­ten spä­te­ren Wohn­sitz) in­ten­siv be­schäf­ti­gen möch­ten.

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Donnerstag, 24. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (9)

Wie­wohl auf La Pal­ma und den üb­ri­gen In­seln des ka­na­ri­schen Ar­chi­pels ewi­ger Früh­ling herrscht, geht die­ser na­tür­lich schon mit zu­wei­len ganz be­acht­li­chen Nie­der­schlags­men­gen ein­her, zu­mal auf der pas­sat­wind­be­auf­schlag­ten Ost­sei­te von La Is­la Bo­ni­ta. Kein Wun­der al­so, daß die tra­di­tio­nel­le Dach­form dem Rech­nung trägt und dem vom Him­mel fal­len­den Was­ser den kür­ze­sten Weg nach un­ten weist:

schön restaurierte Dachlandschaft eines traditionellen bäuerlichen Anwesens

Den­noch ist auch die fest­land­spa­ni­sche Flach­dach­bau­wei­se weit ver­brei­tet, wohl weil ei­ne be­spiel­ba­re Dach­flä­che prak­ti­scher­wei­se zum Trock­nen und Dör­ren der Ern­te, zum Fuß­ball­spie­len, Son­nen­ba­den und nicht zu­letzt zum Wä­sche­auf­hän­gen taugt. Lei­der ist sie halt auch im­ma­nent ur­säch­lich für die oft an­zu­tref­fen­den Schim­mel­pro­ble­me im In­ne­ren der Häu­ser, denn Was­ser hat ei­nen klei­nen Kopf, wie die al­ten Ar­chi­tek­ten zu sa­gen pfle­gen. Auch sonst zeich­nen sich die oft­mals in den Hang ge­bau­ten Bau­ern­häus­chen durch in un­se­ren Au­gen eher un­prak­ti­sche De­tails aus: War­um zum Bei­spiel mon­tie­ren die in­su­la­ren Spa­ni­er die Fen­ster­schei­ben vor die Fen­ster­lä­den? Ist das am En­de das Re­sul­tat ei­ner ar­beits­be­schaf­fen­den ge­setz­li­chen Re­ge­lung, in­iti­iert und durch­ge­setzt von der über­mäch­ti­gen Gla­ser­lob­by?

kleine Casa mit Flachdach und einwurfgefährdeten Fenstern

Na ja, nicht al­les kann und muß man mit un­se­rer ger­ma­nisch-ana­ly­ti­schen Denk­wei­se er­klä­ren, die Welt ist bunt und das ist auch gut so. Auf der Groß­bri­tan­ni­schen In­sel hal­ten sie ja auch an ih­ren win­zi­gen Häh­nen für Eis­wür­fel links und Was­ser­dampf rechts fest und kä­men nie auf den Ge­dan­ken, die tra­di­to­nel­len Ar­ma­tu­ren ge­gen un­sport­li­che Ein­he­bel­mi­scher from the con­ti­nent aus­zu­tau­schen...

Aber las­sen wir das Gen­öle und wer­fen wir statt­des­sen lie­ber noch schnell ei­nen Blick auf ei­ne L(i)egebatterie zur platz­spa­ren­den Hal­tung von Pau­schal-Tou­ri­sten:

uniforme Appartment-Anlage in El Socoro

So manch ein fröh­li­cher Ze­cher dürf­te dort nach über­mä­ßi­gem Ge­nuß al­ko­ho­li­scher Ge­trän­ke sei­ne lie­be Not ha­ben, den Ein­gang zur ei­ge­nen Zel­le wie­der­zu­fin­den, sieht es doch links wie rechts auf Dut­zen­den von Me­tern gleich aus. Na ja, je­dem das sei­ne und je­der das ih­re...

Wer es sich lei­sten kann und et­was ab­seits der Haupt­stra­ße sei­ne Ru­he sucht, kann na­tür­lich auch ex­klu­si­ver woh­nen, und das nicht nur für ein paar Ta­ge im Jahr:

ein mustergültig instandgesetztes Anwesen

So man­ches Häus­chen im (üp­pig wu­chern­den) Grü­nen hät­te dem zone­batt­ler und sei­ner bes­se­ren Hälf­te durch­aus zu­ge­sagt, in­des es nag­ten in ih­nen lei­se Zwei­fel, ob die auf Rei­sen er­leb­ten Freu­den des Gast­lan­des, die Schön­hei­ten der Na­tur und ein eher ent­schleu­nig­ter Le­bens­stil auf Dau­er nicht doch et­was ein­tö­nig wä­ren: Das kul­tu­rel­le An­ge­bot ist bei al­ler Viel­falt letzt­lich nicht mit dem hei­mi­schen zu ver­glei­chen! Und dar­um fan­den wir nach drei Wo­chen in­ten­si­ven Ein­las­sens auf die ört­li­chen Ver­hält­nis­se, das es da­mit jetzt doch (vor­erst) ge­nug wä­re...

Dies al­so war der neun­te Streich, und der zehn­te folgt so­gleich: Im letz­ten Teil un­se­res bun­ten Bil­der­bo­gens wol­len wir un­se­re lau­ni­sche Rei­se-Re­por­ta­ge mit ein paar wol­ki­gen Aus­blicken be­schlie­ßen (und dann end­lich wie­der zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen)...

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Dienstag, 22. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (8)

Der ei­ne oder die an­de­re wird sich si­cher­lich schon ge­fragt ha­ben, war­um sich des zonebattler’s dies­jäh­ri­ger Rei­se-Rap­port der­ma­ßen in die Län­ge zieht und kein En­de fin­den will. Nun, ei­ne na­he­lie­gen­de Er­klä­rung könn­te der am gest­ri­gen Tag of­fi­zi­ell ein­ge­läu­te­te Som­mer sein, der sich zu­min­dest hier in der frän­ki­schen Pro­vinz so gar nicht von der som­mer­li­chen Sei­te zei­gen mag! Da schwelgt un­ser­ei­ner nur zu gern in den noch fast fri­schen Ur­laubs­er­in­ne­run­gen und ver­setzt sich im Gei­ste lie­ber zu­rück in das an­ge­neh­me Kli­ma der Ka­na­ren...

Blick aus den Bergen auf Santa Cruz de La Palma

Das obi­ge Bild rückt die üp­pi­ge Ve­ge­ta­ti­on, das Meer und die mensch­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on in en­ge Nach­bar­schaft, und ge­nau so ist es dort drü­ben auch: Wer sich in ei­nem je­ner Le­bens­räu­me tum­melt, hat es nie weit bis zu den bei­den an­de­ren! Man ge­wöhnt sich schnell dar­an und wünsch­te sich bald, daß es da­heim in der gro­ßen Stadt im Bin­nen­land doch ge­nau­so ein­fach sein mö­ge, den ei­ge­nen Art­ge­nos­sen zu ent­flie­hen und zum völ­lig un­ge­stör­ten Kon­takt mit der un­ge­stü­men Na­tur zu fin­den.

alte Getreidemühle mit abgerüsteten Flügeln

Na­tür­lich ist auch La Pal­ma trotz al­ler Schön­hei­ten nicht das Pa­ra­dies auf Er­den, hier wie an­dern­orts sind wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen, ego­isti­sches Be­sitz­den­ken und Stre­ben nach Macht star­ke Trieb­fe­dern des mensch­li­chen Tuns. Und ob die Pal­me­ros in ih­rer Mehr­heit die Schön­heit Ih­rer In­sel an­ge­mes­sen zu wür­di­gen wis­sen, ist auch noch nicht er­wie­sen. Hat­te ich üb­ri­gens schon er­wähnt, daß die groß­flä­chi­gen Ba­na­nen­plan­ta­gen dem Ei­land nicht eben zur Zier­de ge­rei­chen?

Bananenfelder, wohin das Auge blickt...

Aus­ge­rech­net Ba­na­nen! Zum knall­hart ma­ni­pu­la­tiv-an­kla­gen­den Re­por­ta­ge­fo­to­gra­fen hat der Ver­fas­ser in­des ganz of­fen­kun­dig nicht das Zeug, so­gar die häß­li­chen Pla­nen und Fo­li­en der Ba­na­nen­bau­ern ver­wan­delt er im abend­li­chen Ge­gen­licht zu nett an­zu­schau­en­den Licht­spie­le­rei­en. Er kann halt nicht an­ders! Und wenn wir vom Osten über die Cal­de­ra hin­weg in den We­sten sprin­gen und da die Lin­se auf die Wein-Ter­ras­sen rich­ten, dann se­hen auch die auf den er­sten Blick nicht pro­ble­ma­tisch aus:

Weinanbau im Westen La Palmas

Den­noch, selbst wenn das ge­rö­te­te Au­ge des wacke­ren Wan­de­rers den groß­flä­chi­gen Mo­no­kul­tu­ren zu­wei­len man­chen Reiz ab­ge­win­nen kann, die Rei­zung des Riech­or­gans durch die reich­lich aus­ge­brach­ten Spritz­mit­tel geht ihm dort in des Wor­tes dop­pel­ter Be­deu­tung bald die Na­se hoch. Dar­um schneu­zen wir uns jetzt kräf­tig und war­ten auf den näch­sten Teil, in dem wir uns noch ein we­nig der ein­hei­mi­schen Ar­chi­tek­tur auf La Pal­ma an­neh­men wol­len...

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Freitag, 18. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (7)

Das Meer! Der wei­te, wei­te Oze­an und sei­ne rau­schen­de Bran­dung, sein un­ab­läs­sig for­dern­des Lecken am Land, sei­ne am Ufer oft spie­le­ri­schen, mit­un­ter aber heil­los ver­hee­ren­den De­mon­stra­tio­nen ei­ner kollos­sa­len Macht fas­zi­nie­ren die Men­schen seit je­her. Ins­be­son­de­re na­tür­lich den ge­mei­nen Bin­nen­länd­ler, der je­ne ge­wal­ti­gen und schier end­los er­schei­nen­den Was­ser­mas­sen nicht tag­täg­lich vor Au­gen hat, son­dern dem die­se Be­geg­nung nur ur­laubs­hal­ber und in grö­ße­ren Zeit­ab­stän­den ver­gönnt ist.

Der zone­batt­ler ist in der ord­nungs­ge­mäß ab­ge­wickel­ten er­sten Hälf­te sei­nes auf 100 Jah­re an­ge­leg­ten ir­di­schen Da­sei­nes schon di­ver­se Ma­le an des sal­zi­gen Was­sers Kan­te ge­stan­den, an der Nord­see, an der Ost­see, im Mit­tel­meer, am At­lan­tik und tat­säch­lich auch am Pa­zi­fik. Schwar­ze Strän­de aus fein zer­krü­mel­ter La­va wa­ren ihm frei­lich bis da­to noch nicht un­ter­ge­kom­men:

Läuferin am abendlichen Strand von Puerto Naos

Wie neu­lich be­reits aus­ge­führt, ist die Kü­ste La Pal­mas über­wie­gend zer­klüf­tet und un­weg­sam, re­gel­rech­te Ba­de­strän­de gibt es nur we­ni­ge und die­se sind noch da­zu von über­schau­ba­rer Aus­deh­nung. Doch selbst dort geht es nicht eben über­lau­fen zu, was un­ser­ei­nem zu­ge­ge­ben sehr ge­le­gen kam, der ich zwar die Men­schen mag, die Leu­te aber mit­un­ter nicht aus­ste­hen kann... Über die Grün­de des Tou­ri­sten-Man­gels zu spe­ku­lie­ren ist hier nicht der rech­te Ort, je­den­falls herrscht im »Won­ne­mo­nat« Mai so­gar in un­mit­tel­ba­rer Nä­he grö­ße­rer Ho­tel­an­la­gen un­über­seh­ba­re Be­le­gungs­flau­te:

Badestrand bei El Socoro

Von der trüb-trau­ri­gen Tri­stesse der über­di­men­sio­nier­ten Bet­ten­bur­gen und der dar­in statt­fin­den­den Zwangs­be­spaßung trä­ger Tou­ri­sten will ich in ei­ner spä­te­ren Fol­ge noch be­rich­ten, hier wol­len wir es bei dem Hin­weis be­las­sen, daß das Meer dort am schön­sten ist, wo man es weit­ge­hend für sich al­lei­ne hat. Wie zum Bei­spiel rund um die so­ge­nann­te »Pi­ra­ten­bucht« un­ter­halb von El Pue­blo an der West­kü­ste:

bunte Schwarzbauten Einheimischer in einer natürlichen Höhle

Der kei­nes­wegs knie­scho­nen­de Ab­stieg dort­hin fand nicht nur in pral­lem Son­nen­lich­te statt, son­dern im spä­te­ren Ver­lauf auch ab­seits der of­fi­zi­el­len We­ge. Über Stun­den kam sich der zone­batt­ler wie­der wie im Film vor, ein ein­sa­mer Schiff­brü­chi­ger ab­seits al­ler be­wohn­ten Ge­fil­de. Das müh­sa­me Vor­an­kom­men, Schritt für Schritt und Me­ter für Me­ter ent­lang eben­so un­ge­si­cher­ter wie stei­ler Ab­bruch­kan­ten sorg­te für sel­ten zu­vor er­leb­ten Ad­re­na­lin­aus­stoß. Doch wie woll­te man je sei­ne ei­ge­nen Gren­zen aus­lo­ten, wenn man sich Ih­nen nicht hin und wie­der auf Sicht- (bzw. Tritt-)weite nä­her­te? Eben. Der spä­te­re, gleich­falls mehr­stün­di­ge Auf­stieg in der glei­ßen­den Son­ne schat­ten­lo­ser Glut re­du­zier­te den Be­richt­erstat­ter auf ein he­cheln­des, japp­sen­des, keu­chen­des und auch weit­ge­hend wür­de­lo­ses Et­was. Ei­ne läu­tern­de Er­fah­rung, ich woll­te sie nie­mals mehr mis­sen.

Nicht min­der be­we­gend war für den Au­tor ein kör­per­lich eher we­nig an­stren­gen­der Nach­mit­tag an den se­mi-na­tür­li­chen Plansch­becken un­weit von Ho­yo Gran­de, nörd­lich von San An­drés an der Ost­kü­ste La Pal­mas ge­le­gen: Ziem­lich ge­nau 19 Jah­re nach sei­nem letz­ten Tauch­gang zog er sich sei­ne (in all den Jah­ren nur leicht gelb­lich ver­färb­te) Pro­fi-Tau­cher­bril­le über, steck­te sich den Schnor­chel in den Schlund und sah fort­an fas­zi­niert dem flim­mern­den Trei­ben un­ter­halb der Was­ser­ober­flä­che zu...

ertauchte Schätze des Meeres: Seeigel-Skelette, Steckmuscheln und ein einsames Krabbenbein

Flos­sen und Blei wa­ren aus Platz- und Ge­wichts­grün­den da­heim ge­blie­ben; in­des es geht auch oh­ne, wenn­gleich man es dann nicht viel tie­fer als drei oder vier Me­ter schafft, be­vor ei­nen der im Salz­was­ser oh­ne­hin er­höh­te Auf­trieb wie­der an die Ober­flä­che zu­rück­drückt. Egal, viel tie­fer sind die in die La­va­kü­ste ge­bag­ger­ten Becken oh­ne­hin nicht. Den­noch wa­ren sie ein span­nen­des Re­vier, denn im­mer wie­der schwapp­te der an­bran­den­de Oze­an über die see­sei­ti­ge Kan­te und spül­te neu­es Ge­tier her­ein, klei­ne Fi­sche, grö­ße­re Fi­sche, gut ge­tarn­te eben­so wie in auf­fäl­li­gen Faben leuch­ten­de. Oh, wie schön ist es dort un­ten, wo al­le lun­gen­at­men­den Zwei­bei­ner die Klap­pe hal­ten und sich in De­mut üben müs­sen...

Nach ei­ner Stun­de ein­sa­men Ge­nus­ses er­hiel­ten der zone­batt­ler und sei­ne bes­se­re Hälf­te un­ver­hofft Ge­sell­schaft in Form ei­nes zwei­ten Pär­chens, wel­ches sich zu­nächst auf ita­lie­nisch un­ter­hielt. Man kam rasch ins Ge­spräch, man schal­te­te auf Deutsch um, denn wie­wohl der jun­ge Mann ita­lie­ni­scher Ab­stam­mung war und sei­ne Freun­din pol­ni­scher, so ka­men sie doch bei­de aus... nein, nicht aus Fürth, aber im­mer­hin aus Nürn­berg-Go­sten­hof! Der Zu­fall woll­te es fer­ner, daß wir ei­ne Wo­che spä­ter nicht nur al­le­samt im glei­chen Flie­ger gen Hei­mat sa­ßen, son­dern dann auch noch die glei­che U‑Bahn nah­men, Um­stei­gen am Plär­rer in­klu­si­ve! So klein ist die Welt. Den bei­den sei hier­mit noch­mals herz­lich zu­ge­wun­ken!

Nun, da­mit sind wir schon wie­der am En­de ei­ner Epi­so­de an­ge­kom­men und kön­nen mitt­ler­wei­le ab­se­hen, daß es ins­ge­samt wohl de­rer zehn ge­ben wird. Ein Dut­zend stim­mungs­vol­ler Schnapp­schüs­se ha­be ich noch vor­be­rei­tet auf Hal­de lie­gen, vier Stück da­von schau­en wir uns in der näch­sten Fol­ge an...

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Sonntag, 13. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (6)

Nach ei­ner be­son­ders an­stren­gen­den Wan­de­rung von vie­len Stun­den Dau­er gönn­ten wir uns am Fol­ge­tag ei­nen kon­di­tio­nell we­ni­ger her­aus­for­dern­den Stadt­gang in die in­su­la­re Ver­wal­tungs-Me­tro­po­le San­ta Cruz de La Pal­ma, de­ren pit­to­res­ke Alt­stadt si­cher mehr als nur ei­nen ein­zi­gen Be­such wert ist. Die über­wie­gend präch­ti­gen und gut er­hal­te­nen Häu­ser der ge­schichts­träch­ti­gen Haupt­stadt sind fein her­aus­ge­putzt, und in den schma­len Stra­ßen und Gäß­lein da­zwi­schen geht es an­ge­nehm kühl (me­teo­ro­lo­gisch) und un­auf­ge­regt ge­las­sen (at­mo­sphä­risch) zu.

Die Hauptstadt La Palmas zeigt Flagge

Tat­säch­lich fühl­te sich un­ser­eins in­mit­ten der al­ten Ar­chi­tek­tur gleich hei­misch: Wer mal mein Fo­to von der Für­ther Pfi­ster­stra­ße mit der nach­ste­hen­den Auf­nah­me aus San­ta Cruz ver­gleicht, kann er­mes­sen, war­um dem wohl so ist, auch wenn (oder ge­ra­de weil?) der Lack an der ei­nen oder an­de­ren Stel­le schon ab ist...

in der historischen Altstadt von Santa Cruz de La Palma

Ru­hig und be­schau­lich geht es al­so zu in je­nem klei­nen Städt­chen, in des­sen Kern rund um das hi­sto­ri­sche Rat­haus kein Au­to­lärm die Stil­le stört. In sol­cher Um­ge­bung ist gut ler­nen, und so ver­wun­dert es we­nig, daß flei­ßi­ge Stu­den­tin­nen am of­fe­nen Fen­ster kon­zen­triert ar­bei­ten kön­nen, oh­ne ab­ge­lenkt zu wer­den:

eine fleißige Studentin zeigt dem Fotografen nicht die kalte Schulter

In zwei bis drei Stun­den hat man die of­fi­zi­el­len Se­hens­wür­dig­kei­ten pflicht­be­wußt ab­ge­klap­pert und sich in Ge­sprä­chen mit di­ver­sen Ge­schäfts­in­ha­be­rin­nen deut­schen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grun­des über die we­ni­ger of­fen­sicht­li­chen Lan­des­spe­zi­fi­ka gründ­lich aus­ge­tauscht. Dann ist erst­mal Sie­sta und die Lä­den wer­den al­ler­or­ten zu­ge­klappt für die täg­li­che Dö­se­pau­se von drei Stun­den Dau­er, die der zone­batt­ler ger­ne auch da­heim ein­ge­führt sä­he (un­ter Bei­be­hal­tung der ge­wohn­ten Fei­er­abend-Zei­ten). Al­so schnur­stracks wie­der zum Park­platz ge­tappt, um in die Na­tur zu ent­fleu­chen, die ja kei­nen un­pro­duk­ti­ven Still­stand kennt. Wäh­rend der ge­müt­li­chen (wenn­gleich wie im­mer äu­ßerst kur­ven­rei­chen) Wei­ter­fahrt kann man viel­leicht noch ir­gend­wo den Lie­ben Gott bei sich da­heim auf­su­chen, um ihn ei­nen gu­ten Mann sein zu las­sen...

ein kleines Kirchlein mit offenliegendem heiligen Bimbam

Ja, man kann die See­le gut bau­meln las­sen auf La Pal­ma. Üb­ri­gens hat der zone­batt­ler ne­ben Kör­per und See­le auch dem Geist Übung ver­ord­net und ne­ben­her des Abends in der Ca­sa knapp 1000 Sei­ten von Jo­seph Roth ge­le­sen, ja nach­ge­ra­de gie­rig ver­schlun­gen, wo­von spä­ter an an­de­rer Stel­le noch ge­son­dert zu be­rich­ten sein wird. Heu­te las­sen wir jetzt hier die Rol­los run­ter, um uns die im Ur­laub ge­won­ne­ne Ge­las­sen­heit noch ein we­nig zu be­wah­ren und den Tag ab­seits der Ta­sta­tur zu ver­brin­gen. Dem­nächst geht es wei­ter mit al­ler­lei Blicken auf (und in) das Meer...

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Donnerstag, 10. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (5)

Fern­seh-Nost­al­gi­ker mei­nes Al­ters er­in­nern sich si­cher­lich noch an die le­gen­dä­ren Aben­teu­er­vier­tei­ler des ZDF, die zwar nach heu­te herr­schen­den Maß­stä­ben ziem­lich bie­der in­sze­niert wa­ren, ei­nem ju­gend­li­chen Leicht­ma­tro­sen vor 40 Jah­ren aber als un­ge­heu­er span­nend vor­ka­men. Der zu bi­zarr-thea­tra­li­schen As­so­zia­tio­nen je­der­zeit nei­gen­de zone­batt­ler fühl­te sich auf La Pal­ma schon bei der er­sten Wan­de­rung ab­seits der Stra­ßen so­fort an je­ne »Schatzinsel«-Verfilmung von 1966 er­in­nert, die ihn im längst ver­gan­ge­nen Schwarz­weiß-Zeit­al­ter in ih­ren Bann ge­schla­gen hat­te: Be­reits nach we­ni­gen Schrit­ten stie­gen die Bil­der (dies­mal in Far­be) in der Er­in­ne­rung wie­der auf und misch­ten sich mit, nein sie wur­den zur Rea­li­tät...

üppiger Regenwald im Nordosten La Palmas

Du kommst Dir vor, als wä­rest Du der ein­zi­ge Mensch auf die­sem ein­sa­men Ei­land: Kei­ne Hüt­te ist zu se­hen, nir­gends ein Zaun, ein Zei­chen, ein von mensch­li­chen Hän­den ge­form­tes Ar­te­fakt. Du klet­terst im­mer tie­fer in die Schlucht hin­ein, rund­um ist al­les grün in grün, me­ter­lan­ge Lia­nen hän­gen von den über­ste­hen­den Fel­sen her­un­ter, hie und da fällt glei­ßend hel­les Son­nen­licht durch das üp­pi­ge Blät­ter­dach und blen­det Dich. Im­mer wie­der drehst Du den Kopf alar­miert zur Sei­te, doch ist es stets nur das Hu­schen ei­ner Ei­dech­se, das Kräch­zen ei­nes Vo­gels, das Äch­zen ei­nes Bau­mes im Wind ge­we­sen, was Dir ei­nen Schrecken ein­ge­jagt hat...

Einzig die kanarische Kiefer kommt hier häufiger vor als Bananen...

Du kommst nur lang­sam vor­an, denn wo kein Weg ist, mußt Du Dir selbst ei­nen schaf­fen. Am ein­fach­sten noch geht es durch das aus­ge­trock­ne­te Fluß­bett vor­wärts, wenn­gleich das Klet­tern über das Ge­röll und die mit­un­ter manns­ho­hen Fels­brocken müh­sam und kräf­te­zeh­rend ist. Der Blick reicht nicht weit, und wenn, dann meist nur di­rekt nach oben, wo dunk­le Höh­len un­er­reich­bar hoch in der Steil­wand die Fan­ta­sie an­re­gen: Be­weg­te sich dort nicht je­mand? Wirst Du auf Schritt und Tritt ver­folgt? Bist Du ei­nem Ge­heim­nis auf der Spur? Du wür­dest schier zu To­de er­schrecken, wenn Du plötz­lich ei­nen auf­ge­spieß­ten To­ten­schä­del vor Dir sä­hest, aber wirk­lich über­ra­schen wür­de Dich ei­ne sol­che un­zwei­deu­ti­ge War­nung vor dem Wei­ter­ge­hen kaum.

Kiefern, Kiefern und abermals Kiefern...

Stun­den­lang ar­bei­test Du Dich Schritt für Schritt durch den Bar­ran­co em­por, die Bei­ne sind längst schwer ge­wor­den, der Atem keu­chend, die Klei­dung klebt Dir schweiß­naß am Kör­per. End­lich er­reichst Du ei­nen Punkt über den Wip­feln, von wo aus Du ei­nen wei­ten Blick ins Land hast. Aber wo­hin Du Dich auch drehst und wen­dest, es ist in al­len Rich­tun­gen das­sel­be: Wald, nichts als stoi­scher, gleich­gül­ti­ger Wald. Du al­lein bist der Fremd­kör­per hier, zum Über­le­ben au­ßer­stan­de. Wirst Du je­mals wie­der aus der wu­chern­den Wild­nis her­aus­fin­den?

Mit ihren üppig wuchernden zwischen Farnen und Kakteen wirkt die Landschaft geradezu prähistorisch

Na ja, her­aus­ge­fun­den hat der zone­batt­ler dann letzt­lich doch im­mer wie­der, nicht zu­letzt dank sei­ner ihn be­glei­ten­den Füh­rungs­kraft, die stets die Ori­en­tie­rung be­hielt und sich im Ge­gen­satz zum pa­the­ti­schen Be­richt­erstat­ter kei­nen irr­lich­tern­den Er­schöp­fungs-Fan­ta­sien hin­gab...

Die As­so­zia­ti­on mit dem gro­ßen Klas­si­ker der Aben­teu­er-Li­te­ra­tur bzw. des­sen schö­ner Ver­fil­mung hat­te ich üb­ri­gens durch­aus auch au­ßer­halb der Re­gen­wäl­der von La Pal­mas Nord­osten: In den Kie­fern­wäl­dern an den stei­len Hän­gen der Cal­de­ra sah ich mich eben­so auf den Spu­ren Long John Sil­vers hum­peln wan­deln wie vor­her in den trocken­hei­ßen La­va­fel­dern am süd­li­chen Zip­fel der In­sel. Wo im­mer man die Stra­ße hin­ter sich läßt, ist man im Nu al­lei­ne mit sich selbst und der gran­dio­sen Na­tur, ei­ne Kon­fron­ta­ti­on, der man sich als Stadt­mensch im All­tag ja nicht al­le Ta­ge stel­len muß (und die man erst ein­mal aus­zu­hal­ten hat). Die Er­in­ne­rung an die wei­land durch den Fern­se­her be­flü­gel­te Fan­ta­sie (heu­te trotz ra­san­ter tech­ni­scher Fort­schrit­te ein eher sel­te­nes Phä­no­men) hat mich je­den­falls bald be­wo­gen, mei­ne klei­ne Rei­se-Re­por­ta­ge un­ter den (durch­aus mehr­schich­tig ge­mein­ten) Ti­tel »Die Schatz­in­sel« zu stel­len. Und wir sind noch lan­ge nicht am En­de: In der Epi­so­de Nr. 6 nä­hern wir uns dem­nächst wie­der der Zi­vi­li­sa­ti­on.

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Sonntag, 6. Juni 2010

Die Schatz­in­sel (4)

Zahl­rei­che Tier- und so an die 1.500 Pflan­zen­ar­ten sind auf La Pal­ma en­de­misch, kom­men al­so nur dort (und nir­gend­wo an­ders) vor. Wie al­le an­de­ren Ka­na­ren­in­seln auch ist La Pal­ma vul­ka­ni­schen Ur­sprungs und einst ein­sam dem Meer ent­stie­gen, war al­so nie durch Land­brücken mit dem be­nach­bar­ten Kon­ti­nent ver­bun­den: Was im­mer folg­lich an ir­di­schem Le­ben dort­hin ver­schla­gen wur­de, hat sich iso­liert von den frü­he­ren Art­ge­nos­sen ver­meh­ren und wei­ter­ent­wickeln kön­nen. Zwei Mil­lio­nen Jah­re sind geo­lo­gisch be­trach­tet nicht viel, aber in Sa­chen ge­ne­ti­scher Mu­ta­ti­on, Ver­er­bung und na­tür­li­cher Aus­le­se kann die­sem Zeit­raum schon ei­ni­ges pas­sie­ren...

Der zone­batt­ler ist ein Freund von Rep­ti­li­en, je­den­falls dann, wenn er nicht in de­ren Beu­te­sche­ma paßt: Der be­schau­li­che Le­bens­stil der Ech­sen (dö­sen, es­sen, son­nen, dö­sen, es­sen, ent­span­nen, ...) er­scheint ihm als sou­ve­rä­ner und zur Nach­ah­mung wärm­stens zu emp­feh­len­der Exi­stenz-Ent­wurf. Kein Wun­der da­her, daß er die al­ler­or­ten her­um­wu­seln­den West­ka­na­ren­ei­dech­sen schnell ins Herz ge­schlos­sen hat:

stolze männliche Westkanareneidechse

Trotz nicht vor­han­de­ner Groß­hirn­rin­de sind die ge­schmei­di­gen Ge­sel­len üb­ri­gens kei­nes­wegs dumm: Da, wo es was Eß­ba­res zu ho­len ge­ben könn­te (bei ra­sten­den Wan­de­rern zum Ex­em­pel), kom­men sie ger­ne aus der Deckung und nä­her her­an an die mut­maß­li­chen Gön­ner. Wirft man ih­nen ei­nen Cracker­krü­mel hin, sau­sen sie wie­sel­flink her­bei und stel­len den Hap­pen si­cher, den un­ser­eins zwi­schen all den La­vak­rü­meln kaum je wie­der­fin­den wür­de. Re­spekt!

Fast noch er­staun­li­cher in ih­rer Viel­falt prä­sen­tiert sich die Flo­ra auf La Pal­ma: Was auf deut­schen Fen­ster­bän­ken als Exot mit Hin­ga­be im Blu­men­topf ge­päp­pelt und stolz vor­ge­zeigt wird, wu­chert hier wie Un­kraut und er­reicht im ganz­jäh­rig mil­den Kli­ma be­acht­li­che Di­men­sio­nen. Wie zum Bei­spiel der (nicht en­de­mi­sche, son­dern vor gut 200 Jah­ren ein­ge­führ­te) Fei­gen­kak­tus:

blühender Feigenkaktus (Opuntie)

Im Mai ist auf der In­sel so ziem­lich al­les am Blü­hen: An man­chen Bäu­men fan­den sich Früch­te und Blü­ten gleich­zei­tig! Der im­mer­wäh­ren­de Früh­ling scheint die Pflan­zen zu ver­wir­ren und den aus nörd­li­che­ren Ge­fil­den be­kann­ten Rhyth­mus der Jah­res­zei­ten zu­min­dest teil­wei­se au­ßer Kraft zu set­zen. Ir­re.

Ei­gen­ar­ti­ger­wei­se ist der zone­batt­ler auch ein Krab­ben­freund, d.h. er ver­speist sie nicht (wie an­de­re Leu­te), son­dern stellt ih­nen mit der Ka­me­ra nach, um ihr Ver­hal­ten zu stu­die­ren. So zahl­reich wie an den Ge­sta­den des Mit­tel­mee­res schei­nen die ge­pan­zer­ten Ge­nos­sen in ka­na­ri­schen Ge­wäs­sern nicht zu sein, je­den­falls war am fla­chen Strand kein Krebs­tier aus­zu­ma­chen. Nur an schrof­fen, gischt­um­to­sten Ufern konn­te ich Krab­ben be­hen­de auf den nas­sen La­va­brocken her­um­tur­nen se­hen:

Krabben beim Krabbeln

Er­staun­lich ist das Seh­ver­mö­gen je­ner meist seit­wärts schrei­ten­den Zehn­fuß­kreb­se: Ge­mein­hin sit­zen sie al­le­samt re­gungs­los auf den Fel­sen, so­bald man sich aber auf ein paar Me­ter nä­hert, be­ginnt ein Mas­sen­ex­odus und es wu­selt und kreucht an al­len Ecken und En­den. Be­mer­kens­wert er­scheint fer­ner, wie sou­ve­rän die Tie­re der bra­chia­len Ge­walt der Bran­dung trot­zen: Ein Mensch, der sich von See her nä­her­te, wür­de den Ver­such, ab­seits der fla­chen Strän­de an Land zu ge­hen, kaum über­le­ben.

Wen­den wir uns jetzt wie­der der Pflan­zen­welt La Pal­mas zu und schau­en wir uns ei­nen der ei­gen­ar­ti­gen »Dra­chen­bäu­me« an:

Kanarischer Drachenbaum

Den Na­men je­nes Ge­wäch­ses ha­be ich be­wußt in An­füh­rungs­zei­chen ge­setzt, denn wie uns der ein­schlä­gi­ge Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel be­lehrt, han­delt es sich da­bei nicht wirk­lich um ei­nen Baum im wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne; dem schat­ten­su­chen­den Wan­de­rer sind der­lei aka­de­mi­sche Spitz­fin­dig­kei­ten na­tür­lich ei­ner­lei. Meist ste­hen die­se schö­nen Pflan­zen ein­zeln, wir ha­ben auf un­se­ren Wan­de­run­gen je­doch auch ein paar klei­ne­re Hai­ne be­wun­dern kön­nen.

À pro­pos Wan­de­run­gen: Wun­der­sa­me Be­ge­gun­gen hat­ten wir mit den pal­me­ri­schen Hun­den, die sich ‑im Ge­gen­satz zu ih­ren Vet­tern im fer­nen Deutsch­land- al­ler­or­ten durch gro­ße Läs­sig­keit und ei­ne ent­spann­te Auf­fas­sung hin­sicht­lich der Aus­übung ih­res Wach­dien­stes aus­zeich­nen. Man kennt sich dort, man kennt sein Re­vier, man weiß um die Harm­lo­sig­keit der selbst zur mit­täg­li­chen Sie­sta-Zeit idio­ti­scher­wei­se durch die Land­schaft keu­chen­den Tou­ri­sten. Was soll­te man sich da mit sinn­lo­sem Ge­bell selbst ver­aus­ga­ben?

Ein die Grenze seines Revieres verteidigender Wachhund

Im Grun­de kommt man mit ei­ner kraft­spa­rend re­lax­ten Hal­tung oh­ne­hin am be­sten durch den Tag, denn die Mit­tags­zeit be­ginnt gleich nach dem Früh­stück und en­det erst kurz vor dem Abend­essen. Je­den­falls kommt es ei­nem so vor: Die schon er­wähn­te süd­li­che La­ge fern­ab von Kon­ti­nen­tal-Eu­ro­pa sorgt da­für, daß die Son­ne fast im­mer im Ze­nit ih­rer täg­li­chen Lauf­bahn zu ste­hen scheint. Wann im­mer man ei­ne Pal­me sieht, de­ren Schat­ten ist von früh bis spät di­rekt un­ter dem Blät­ter­dach an­zu­tref­fen:

einsame Palme am Strand

Sprin­gen wir vom Strand bei Pu­er­to Na­os über­gangs­los auf gut 2.400 Me­ter Hö­he: In der Nä­he der zahl­rei­chen Stern­war­ten am Nord­rand der Cal­de­ra sitzt so man­cher fin­ste­rer Ge­sel­le und war­tet auf Beu­te: Selbst die gro­ßen Ra­ben sind sich nicht zu stolz, Tou­ri­sten um Ent­rich­tung ver­dau­ba­ren We­ge­zolls an­zu­ge­hen! Der nach­fol­gend ge­zeig­te Frech­dachs ließ sich bei­spiels­wei­se mun­ter und un­ver­dros­sen auf dem Au­ßen­spie­gel des näch­sten Miet­wa­gens nie­der, um des­sen Be­sat­zung zur teil­wei­sen Her­aus­ga­be ih­rer Brot­zeit zu ani­mie­ren...

auf unschuldig machender Bettel-Rabe

Es ist üb­ri­gens nicht ganz ein­fach, so ei­nen aus­ge­wach­se­nen Ra­ben halb­wegs fo­to­gen ab­zu­lich­ten: Die kecken Ker­le sind tat­säch­lich in je­der Hin­sicht ra­ben­schwarz! Au­gen, Fe­dern, Fü­ße, Schna­bel, was im­mer den Vo­gel aus­macht, ist von der glei­chen Far­be und al­len­falls von un­ter­schied­li­chem Glanz­grad. Ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung für je­den Be­lich­tungs­mes­ser! Aber man kann sich im­mer­hin reich­lich Zeit mit der Knip­se­rei las­sen: Die bet­teln­den Ka­me­ra­den sind nicht nur ge­frä­ßig, son­dern auch ei­tel, sie prä­sen­tie­ren sich da­her ger­ne und aus­dau­ernd. Je­den­falls so lan­ge, wie ih­nen das Wer­ben um Füt­te­rung er­folg­ver­spre­chend er­scheint...

Wenn wir schon beim Fut­tern sind: Hat­te ich ei­gent­lich schon er­wähnt, daß Ba­na­nen die Haupt­ex­port­ar­ti­kel La Pal­mas sind? Un­ter dem gü­ti­gen Pa­tro­nat di­ver­ser Hei­li­ger ge­dei­hen im ewi­gen Früh­ling al­ler­or­ten Ba­na­nen, Ba­na­nen und noch­mals Ba­na­nen:

Bananenplantage bei Los Llanos

Wir ha­ben na­tür­lich Ba­na­nen aus ört­li­cher Pro­duk­ti­on ver­ko­stet (aus öko­lo­gi­schem, mut­maß­lich und hof­fent­lich un­ge­spritz­tem An­bau): Die klei­nen Din­ger schmecken dort an­ders, sprich in­ten­si­ver und durch­aus bes­ser als das, was man hier in Nord­eu­ro­pa kau­fen kann. Das liegt in der Na­tur der Sa­che, denn wer die Stau­den in Griff­wei­te vor der Haus­tür hän­gen hat, kann die Früch­te im rei­fen Zu­stand ern­ten und zeit­nah auf dem lo­ka­len Markt an­bie­ten. Was hin­ge­gen in deut­sche Lä­den kom­men soll und bis dort­hin ta­ge­lang un­ter­wegs ist, muß ja schon weit vor dem Er­rei­chen der op­ti­ma­len Rei­fe zum Ver­sand ge­bracht wer­den, um nicht in be­reits an­ge­faul­tem Zu­stand an­zu­kom­men...

An­ge­kom­men sind auch wir, und zwar am En­de der heu­ti­gen Fol­ge. Im näch­sten Teil ver­las­sen wir den Pfad der sach­li­chen Be­richt­erstat­tung und wen­den uns dem at­mo­sphä­ri­schen zu. Dann ver­ra­te ich end­lich auch, wie ich auf den Se­ri­en­ti­tel »Die Schatz­in­sel« ver­fal­len bin!

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